Zwischen den Stühlen oder die Verhandlung der Identität
- tobiasnatter1
- 30. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Nov. 2025
Premiere im Theater am Werk: „Richterskala 7,8“ von und mit Elif Bilici und Özge Dayan-Mair ist ein vitales Manifest für Sichtbarkeit und Selbstverwirklichung
Ein Strand. Weiße Plastikstühle liegen und stehen umher, als wäre es der Morgen nach einer langen Nacht. Zwei Frauen sitzen dort. Sie könnten die Übriggebliebenen dieser Party sein. Und dieser Strand, er könnte an der Copa Cagrana oder aber an der Ägäis in Izmir liegen. Die beiden jedenfalls, sind aus der Türkei und leben in Wien. Sie heben ihre Becher auf das Leben, auf die Schwermut und das Lied. Vor allem aber auf soziale Resilienz als Notwendigkeit, ohne die ein Leben zwischen den Kulturen nicht gelebt werden kann.
In der Türkei bebte die Erde. Wohngebäude stürzten in sich zusammen wie Kartenhäuser. Die Opfer starben unter den Trümmern. Begraben im Schutt der wuchernden Korruption des Systems Erdogan. Die liberale Hochburg Izmir, in der, wie betont wird, Erdogan noch keine Wahl gewonnen hat, war besonders schwer betroffen. Die Rettungskräfte kamen nur langsam oder gar nicht. Mit bloßen Händen gruben die Angehörigen nach ihren Eltern, Kindern und Geschwistern. Ein Vater hielt tagelang die Hand seines toten Kindes. Sie alle waren Opfer einer menschenverachtenden Politik der Macht und der Gier. Mit türkischer Melancholie, Leidenschaft und Humor erzählen Bilici und Dayan-Mair diese Geschichte der Vielen mitreißend und feinsinnig.
Gegen die seelische Verkümmerung
Und in Wien? Der Schimmel in der kleinen Wohnung scheint das geringste Problem zu sein. Hier droht der Demokratie ein anderes Beben, doch ein ähnliches System mit gleichen Zielen. Eine Ökonomie der Segregation, die sich zu erheblichen Teilen über das Wir und die Anderen definiert, ist ein enger Ort und zeigt nur wenig Verständnis. Das Potential der gebildeten Frauen sollen sie als Hilfskraft am besten selbst zum Klo hinunterspülen.
Ihre Wünsche bleiben im Dunkeln. Ihre Stimmen im Stillen. Nur wenn sie spät in der Nacht am Heimweg sind und sonst keiner in den dunklen Gassen ist, brechen sie raus, diese schmerzvollen Worte, die kaum jemand hören will. Dann schreien sie wütend gegen jene seelische Verkümmerung an, die nur die Fremden in der Fremde kennen. Was macht eine Gesellschaft mit Menschen, deren Stimmen sie nicht hören will? Wie verhandeln Betroffene in ihr ihr Herkunftsdilemma und müssen sie diese neu erfinden? Zwischen europäischen, lokalen und persönlichen Brüchen, zwischen den Stühlen führt der präzis einstudierte verbale Doppelpass vielleicht zu mehr Sichtbarkeit und Selbstverwirklichung, ohne die kulturelle Identität ein leerer Begriff bleibt.
Unter den Himmelsrichtungen
Und so ist dieses Theatertandem ein existentieller Dialog zweier Frauen auf der Suche nach etwas, das Heimat sein könnte, eine Annäherung zweier Himmelsrichtungen und der Menschen, die darunter leben. Bilicis und Dayan-Mairs Performance sprudelt dabei vor Energie, kommt deshalb und auf Grund des autobiographischen Inhalts nicht nur räumlich nah zum Publikum, das einen vitalen und auf unter eine Stunde komprimierten Theaterabend erlebt, der in der intimen Atmosphäre des „Oberen Saals“ nichts schuldig bleibt. Polternd und leise, nachdenklich und komisch, schwer wie ein Beben und dann leicht wie eine Wolke über der Ägäis. Nicht zuletzt rebellisch und voller Poesie entfaltet sich ein Manifest, welches das Dysfunktionale einer abweisenden Gesellschaft nicht mit ätzender Schärfe freilegt. Viel mehr fühlt sich das Durchdringen politisch bedingter Problemlandschaften in Text und Handlung nach einer runden Sache an. Wer bist du oder wer sollst du überhaupt sein, wenn du nirgends richtig sein darfst, ist eine der Fragen, die Bilici und Dayan-Mair an uns alle stellen. „Richterskala 7,8“ wird noch bis 29. Oktober aufgeführt.









