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Künstlerische Bruchlandung mit Johann Strauss im Odeon Theater

  • tobiasnatter1
  • 29. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Dez. 2025

„Fleder.Strauss – Ein Künstler Innen Leben“ landete am Dienstag zur Uraufführung recht holprig. Ein fiktiver Flugunfall wird zur unfreiwilligen Selbstironie. Die Koproduktion des hauseigenen Serapions Theaters und des bernhard.ensembles ist nur in ihrem Auftreten ein Hingucker. Die Handlung bleibt auf der Strecke


Im Duty Free Shop kann man noch eine Kleinigkeit kaufen. Dann weisen die Flugbegleiterinnen dem Publikum die Plätze an. Durch Gate 1 und Gate 2 nehmen auch Mitglieder der beiden Bühnenensembles mitten im Publikum Platz. „Bitte verstauen sie Ihr Handgepäck“, tönt es aus einem Lautsprecher. Und los geht´s, das Flugzeug hebt ab. Das Orchester, das jetzt darin sitzt, verursacht mit seinen enthusiasmierten Walzerinterpretationen gleichwohl heftige Turbulenzen und zwingt so den Flieger in einem verschneiten Gebirge zur Bruchlandung. So weit, so lustig. Das versiegende Kreischen der Maschinen aber, weicht alsbald wieder den Dreivierteltakten des Meisters. Zunächst angedeutet, fragmentarisch, dann klar und präsent tönt der ubiquitäre Walzerkönig in kontemporärer Fasson. Soundingenieur und –veteran Bernhard Fleischmann, Meister des elektronischen Faches, vermengt Mario Bergamascos Neuinterpretationen der Strauß'schen Musik live mit sonischen Kreationen, popmusikalischen Versatzstücken und tonalen Zitaten von Musiker*innen, die ihr Leben tatsächlich bei Flugzeugabstürzen verloren haben. In zerknitterter Pilotenuniform sitzt der DJ in einem Wrackteil des Flugzeugs. Drum 'n' Bass oder House - es wummert im Gebälk der ehemaligen Börse für landwirtschaftliche Produkte (1890 wurde sie eröffnet). Die Surround-Bombastereien lenken hingegen nicht von der eigentlichen Bruchlandung ab, die Max Kaufmann und Ernst Kurt Weigel (Konzept und Regie) dort mit ihrem gemeinsamen Projekt im Strauss-Jahr 2025 hinlegen. Denn die fiktive Künstler*innengruppe ist vor der unsanften Landung mit einer Operette über das Leben von Johann Strauss und seiner Familie im Gepäck gestartet und es ist schwierig, diese Geschichte zu erzählen, wenn einem dabei dasselbe passiert. Also nicht die Operette, jedoch die unsanfte Landung. Eine unfreiwillige Ironie, auf die alle Beteiligten gerne verzichten können.


Kunst um jeden Preis

Und so frieren die Pechvögel zwischen den beeindruckenden Wrackteilen (Bühne: Max Kaufmann und Eva Grün) in ihren zerschlissenen Kleidern (Kostüme: Mirjam Mercedes Salzer, Julia Suttner, Lena Tänzer, Sam Van Esbroeck, Kaja Leierer). Auf das nackte Überleben zurückgeworfen, völlig isoliert, probt die exzentrische Gesellschafft zunächst unbeeindruckt, ja ostentativ ihr Stück. Noch einmal und noch einmal. Koste es, was es wolle. Seit der kognitiven Revolution ist Kunst Notwendigkeit. Doch der Mensch wäre nicht Mensch, würde er sich nicht auch hier zum Affen machen. Als Johann Strauss Vater zu den prallen Pauken von Richard Strauss´ (weder verwandt noch verschwägert) „Also sprach Zarathustra“ erscheint, kriechen die Protagonist*innen schon auf allen Vieren, und brüllen wie Schimpansen im Jahr des Kubrick 2001. Die ominöse Flugzeugturbine, die sie immer wieder einsaugt und leicht degeneriert ausspuckt, wird sie später noch zu Kannibalen machen, denen das tränennasse Entsetzen aus den Augen und der blutrote Geifer aus den Mäulern rinnt. Ist der Künstler, oder kann er weg? Schmatzend zehren sie vom Leiberknäuel im nicht mehr so hehren Kampf ums Überleben.


„Burn Schani, burn!“

Zwischen das schrille Treiben mischen sich derweil historische Anekdoten über die Strauss-Dynastie als musikalisches Familienunternehmen. Fast alle Kapazunder sind vertreten. Einblicke in ihr Zusammenleben, oder besser, in ihre biografischen Kapriziosen, gewähren die durchaus famosen schauspielerischen Leistungen als Teil jener darstellerischen Hälfte des Stücks, das dem Sprechtheater gewidmet ist. Text und Figuren sind indes mit kaustischen Kanten versehen. So greint Strauss über die verständnislose Strenge des knorrigen Vaters und Rivalen, der ihn wüst beschimpft: „Im Wienerwald gibt’s koa Gschichtn! Die Donau is ned blau! Depperta!“ Oder Bruder Eduard, der nach Johanns Tod Notenblätter des Straussorchesters - zwar nicht wie historisch belegt – im Ofen eines Wiener Keramikherstellers, aber doch in der Fleischturbine des Todes auf der Bühne im Wiener Odeon verbrennt. „Burn Schani, Burn!“ entspringt dabei der künstlerischen Freiheit des modernen Theaters. Die andere Hälfte der Darstellung bildet die performative Körperarbeit der beiden Ensembles. Kollektive Slapstick-Einlagen, komödiantische Pantomime, spektakuläre Zeitlupenverrenkungen á la The Matrix Reloaded und die präzise Synchronisation all dessen mit den cineplexxartigen Soundeffekten sind auf den Punkt choreografiert. Der Ausnahmezustand der bibbernden Artgenossen ist derart humoristisch beschrieben und zählt zu den Highlights des Theaterabends. Tempo, Rhythmusbruch, Dynamik. (Choreografie: Leonie Wahl). Ein Flugzeug stürzt also ab. Künstler*innen müssen Kunst machen und die Strauss-Familie hatte einen Huscher. Die Sache ist damit erzählt. Viel Lärm um sehr wenig. Die dünne Handlung ist - wie das ungewollte Sinnbild des abgestürzten Flugzeugs - aus der Luft gegriffen. Der Inhalt kann mit der hochfrequenten Darbietung nicht mithalten. Rasante Action und ein cinephiles Bühnenbild helfen über die etwas zusammenhanglose Erzählweise nicht hinweg. Insofern verkommt der Kreativwurf zur künstlerischen Bruchlandung. Die dramaturgische Symbiose der beiden Theatergruppen, das Nonverbale des Separions Theaters und das Textorientierte des bernhard.ensembles, ist nicht mehr, als ein Teilerfolg.


Die Luft ist draußen

Das Absurde nur des postdramatischen Effektes wegen zu strapazieren, derogiert nun mal Geschichten. Und eine solche, eine möglichst gute nämlich, erwartet man sich auch im performativen Theater. Das atmosphärisch dichte Erlebnis für Aug und Ohr bleibt inhaltsleer. Die Auftragsarbeit für das Johann.Strauss-Festjahr streckt sich aufwändig, langt aber im Wettkampf um die frechste Verballhornung des Walzerstoffes im Rahmen des Festivals nicht dorthin, wo es ran will. Das wohlwollend informelle Augenzwinkern zum Kitsch der Wiener Unterhaltungskultur im 19. Jahrhundert wirkt zu demonstrativ. Es fallen also nicht alle an diesem Abend aus den Wolken. Höchstens Strauss aus seinem Himmelsbett, hinab in das Nähkästchen der eklektischen Bemühungen, die sich auf Fußnoten dem Walzerkönig und seinen Marotten nähern. Der Inszenierung muss man allerdings zugestehen, dass am Ende des Festjahres nicht mehr viel vom Schani übrig gelassen wurde. Die Luft ist draußen. Der Applaus im Odeon war schon kräftiger, er war schon länger. Nicht alle im Publikum applaudierten. Paulus Mankas Mine blieb stoisch. Seine Hände schwiegen. Der knallige Theatertripp wird noch bis 17. Jänner aufgeführt.


©Nadine-Melanie Hack
©Nadine-Melanie Hack

 
 
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