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Träume und deren politische Dimension

  • tobiasnatter1
  • 14. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Uraufführung am Wiener Schauspielhaus: Marie Bues inszeniert „Die Verhandlung der Träume“ von Mehdi Moradpour


Ein Monolog beginnt das Halbdunkel zu füllen. Der Dolmetscher Caliban (Tala Al-Deen) denkt über seine Geschichte nach, über seine Kindheit und die Flucht vor dem Regime. Auf einer Videoprojektion hinter dem Schleiervorhang sind seine Gesichtszüge zu erkennen. Sein Vater lebt ein einsames Leben im Herkunftsland. Ist Calibans durchwachsenes Glück im Exil das Leid seines Vaters, ist das Glück der einen nicht immer auch das Leid der anderen, wird er später seine Therapeutin (Ursula Reiter) fragen. Moradpour beleuchtet die politische Dimension dieser Frage und macht, was das Einfühlungstheater nicht kann. Er gießt anonyme Flüchtlingszahlen und stumme Statistiken, hinter denen sich Gesichter und Geschichten verbergen, nicht nur in einen Text, dessen Ursprung in globalen Zerwürfnissen liegt. Die Essenz findet sich in persönlichen Perspektiven auf soziale Machtverhältnisse und wie diese gesellschaftliche Strukturen manifestieren. Das Unpersönliche, das für gewöhnlich im Mediengetöse zu diesem Thema vorherrscht, wird hier zum individuellen Schicksal, zum Pars pro Toto einer ungerechten Gesellschaft destilliert. Und so betritt Caliban im schludrigen Karoanzug des Gastarbeiters (Kostüme und Video: Isabelle Edi) seinen Arbeitsplatz. Er soll zwischen der Afghanin Terra B (Iris Becher), die vor Gericht gegen ihren abgelehnten Asylantrag vorgeht, und der Richterin Mira (Sophia Löffler) übersetzen.


Actionheldin aus der Kindheit

Der Ort der Verhandlung ist in schlohweißes Licht getaucht. Die Spiegel über dem Bühnenraum betonen die grelle Kälte. Die Oberflächen der Stufen und Podeste wirken antiseptisch. Glatte Flächen, scharfe Kanten. Die Designsprache ist geometrisch. (Bühne: Shahrzad Rahmani) Davon wenig beeindruckt, versteht die Klägerin zu Maris und Calibans Überraschung jedes Wort, das dort gesprochen wird. Der Dolmetscher ist überflüssig und glaubt in Terra B eine Erinnerung aus der Vergangenheit zu erkennen: Die kämpferische Videospielfigur Terra Branford aus Final Fantasy VI. Mit feuerrotem Zopf und feministischer Motocross-Montur räkelt sich die Actionheldin seiner Kindheit vor Gericht in comic-hafter Selbstsicherheit. Eine aberwitzige Verhandlung, die zwischen Realität und Fiktion keine Grenzen kennt, entfaltet sich. Mira, ganz oben auf den weißen Stufen, muss sie sich an ihrem Pult festhalten. Terra B oder Terra Branford berichtet vom Motorradrennen mit ihren Freundinnen und wie sie dafür von den Taliban bis zur göttlichen Gerechtigkeit zurechtmassakriert werden sollten. Doch die Superheldin hatte andere Pläne. Filetierte ihre Häscher, entledigte sie ihrer Eier und konnte fliehen.

Der Racheengel bewegt sich nun in Martial Arts-Manier zu den live produzierten Soundeffekten des Kraftakts. Wumm, Zisch. Wie im Videospiel. Die Fäuste fliegen, die Hieb- und Stichwaffe klingt metallisch durch den Raum. Die Beleuchtung blitzt blutrot und synchron zum Schattenkampf. Die messerscharfe Choreografie (Marta Navaridas) ist wild entschlossen umgesetzt. Bechers Körperarbeit nähert sich der Bewegungsästhetik des Videospiels auf athletische sowie humoristische Weise. Ihre Slowmotion-Einlagen würden den Wachowskis besonders gut gefallen. Eine 16-Bit-Konsole aus den 90er-Jahren scheint zum Greifen nah. Und wenn die Atmosphäre hieb- und stichfest ist, dann ist sie doch zum Schneiden. Wesentlich dafür ist die musikalische Live-Performance von Lila-Zoé Krauß. Im Lametta- Onesie ist sie die menschgewordene Discokugel. Neben den popmusikalischen Referenzen und Gesangsinterpretationen sind Geräuschkulissen wie polternde Technobeats oder dunkle Klangteppiche sorgfältig in das Geschehen implementiert.


Weinerliche Taliban

Abseits des Gerichts erzählt Mira der Therapeutin von ihrer Krebsdiagnose und dem schwierigen Verhältnis zum dominanten Vater. Die Videoprojektion zeigt ihr Gesicht. Das Publikum ist Aug in Aug mit ihrer Angst. Moradpours Figuren sind alle vulnerabel, erschöpfen sich nicht in Gut und Böse. Sie bekleiden bloß andere Positionen im Machtgefüge. Das Schlaglicht, das er auf das Persönliche lenkt, bringt sie als Menschen auf dieselbe Stufe. Calibans Kapitel der Prostitution etwa, sein Prekariat oder die fantastische Hoffnung auf eine Heldin, die alles Ungerechte zum Teufel jagt. Miras Krankheit und ihre Sehnsucht nach dem Behaglichen der Kindheit. Terra Bs traumatische Erfahrungen mit entsetzlicher Gewalt. Schlussendlich der Schmerz oder die Einsamkeit, die sie plagen und Miras Wertekodex zum Wanken bringen. In diesem Licht sind alle gleich. Und Terra Branford?

Der Avenger berichtet weiter von blutrünstigen Details ihres Rachefeldzuges. Ursula Reiter gibt dazu den weinerlichen Taliban mit rosaroter Zuckerwatte. Terroristen karikaturistisch als die feigen Mörder darzustellen, die sie sind, hat in der Tat etwas Befreiendes. Die Dialoge indes, spannen den Bogen von juvenilem Aufbrausen zur poetischen Miniaturen. Vom sacklosen Vollhonk zur leisen Erinnerung des Geräusches einer sich drehenden CD, bevor die Musik beginnt. Die Dringlichkeit betont der Sprechchor. Biografische Erzählungen vermengen sich als Binnenhandlungen mit der Rahmenhandlung des Asylverfahrens. „Heilung durch verstehen“ steht in großen Lettern hinter den Verletzlichen. Doch welche Worte braucht es dafür, wie und wem hört man zu? Wie könnte ihre Heilung oder jene der Gesellschaft, in der sie leben, funktionieren?


Aufwühlendes Sozialpanorama

„Die Verhandlung der Träume“ ist mit semifiktionalen Details aus Moradpours Tätigkeit als Dolmetscher angereichert. Das Stück erzählt eine Geschichte von struktureller Gewalt aber auch von Möglichkeiten, die in Träumen gedeihen. Es sucht Gerechtigkeit außerhalb von Gerichtssälen. Mit feinsinniger Akribie dekonstruiert der Autor jene Ignoranz, die im Exil lebende Menschen zu schweigenden Biografien eigenschaftsloser Fremder verkleinern will. Seine Figuren bringt er auf Augenhöhe. Was sich dabei entwickelt, ist die Annäherung zweier vermeintlich verschiedener Welten, die sich doch nur in der einen treffen können und deren Wünsche sich nicht unterscheiden. Eine soziale Utopie?. Vielleicht. Oder eben Träume, die noch oft verhandelt werden müssen, bevor aus Optimismus Realität wird.

Moradpours Sozialpanorama läuft auf dem Terrain einer pessimistischen Gesellschaft voran, ist ein Plädoyer für Menschlichkeit, ganz ohne Sitzkreis, ganz ohne Kumbaya und eine Verhandlung, welche die Figuren zwischen Wut, Trauer und Hoffnung zu sich und zu einander führt. Bues´ Inszenierung ist dem entsprechend aufwühlend und doch faltenlos, mit Zügen des Future Noir ist sie feinmotorisch im Ablauf. Die szenische Umsetzung wird zur futuristischen Galerie des Textes und hebt den Theaterabend zu einem Kaleidoskop der Elemente des modernen Theaters empor. "Die Verhandlung der Träume" wird noch bis 13. Dezember aufgeführt.



Foto: © Marcella Ruiz Cruz
Foto: © Marcella Ruiz Cruz




 
 
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