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Die Transkription der Wahrheit

  • tobiasnatter1
  • 1. Nov. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Nov. 2025

Deutschsprachige Erstaufführung: In „Spiegel“ durchleuchtet die britische Dramatikerin Sam Holcroft auf grandiose Weise, wie Kunst als Schönheitsideal in totalitären Systemen für Propaganda missbraucht wird. Das Theater Spielraum hat dazu eine Produktion, Stück um Stück um Stück, zu einem raffiniert dystopischen Menetekel aufeinandergestapelt


An der Abendkasse in der Kaiserstraße bekommt man diesmal zur Eintrittskarte auch eine Hochzeitseinladung dazu. Am Eingang zum Saal wird man dann herzlich zur Vermählung des Brautpaares begrüßt. Die Darsteller*innen plaudern ausgelassen mit dem Publikum, als wären es Verwandte. Man könnte meinen, die Vorstellung hat schon im Foyer begonnen. Oder: Für einen Moment erliegt man der Illusion, geladener Hochzeitsgast zu sein. Und tatsächlich wird hier bald Fiktion zur Realität, zum Stück im Stück, zum Kampf zwischen Lüge und Wahrheit werden. Der Standesbeamte bittet zur Zeremonie. „Ja, ich will.“ Und so weiter und sofort. Das Publikum, also die Gäste, erheben sich zur Beglückwünschung. Heiterkeit in allen Gesichtern. Da kommt plötzlich Hektik auf. Die Luft sei rein, sagt ein Gast (Samuel Schwarzmann). Man könne beginnen. Ganz schnell geht das jetzt. Der Standesbeamte schlüpft in die Rolle des Celik (Paul Wiborny), der Bräutigam wird zu Adem (Paul Graf), die Braut zu Mei (Anna Zöch), der Trauzeuge wird Bax (Adrian Stowasser). Und die Fake-Hochzeit wird zum Theaterstück. Die Gäste, also das Publikum – wer jetzt eigentlich? – wird darauf hingewiesen, dass noch Zeit wäre zu gehen, niemand müsse bleiben. Und da dämmert es einem. Diese Aufführung ist illegal. Man ist Teil dieses verbotenen Stücks im Stück. Die Handlungsebenen werden gleich zu Beginn recht hoch gestapelt. Da war es eben noch lustig und auf einmal finden sich die Zuseher*innen in einer bitterernsten Umgebung wieder, über der eine Orwell'sche Aura zu schweben scheint. Das Bühnenbild (J-D und Samuel Schwarzmann) ist minimalistisch. Die wenigen Holzmöbel sind von unschuldigem Weiß.


Mahlstrom politischer Unterdrückung

Und Adem ist Automechaniker. Sein erstes Theaterstück hat es bis in ein Büro des Kulturministeriums geschafft. Nun sitzt er dem kunstsinnigen Ministerialdirektor Celik, der mit guten Absichten bewaffnet ist, gegenüber. Dieser hat sein Potential erkannt, doch der Text ist entgegen aller Vorschriften zu nahe an der Realität. Adems Dialoge nämlich, sind nichts anderes als die Transkription der Gespräche seiner Nachbarn im 9. Stock. Wort für Wort erinnert er sich an alles, was durch die hauchdünnen Wände die Wohnungen wechselt oder auf dem Stiegenhaus gesprochen wird. Es wird geflucht, gestritten und gefickt. Das Leben der einfachen Leute ist schmutzig im Morast der ungebildeten Masse. Der Rotstift der Zensur indes, duldet die hässliche Wahrheit nicht. Im Sinne der staatichen Propaganda also, muss die Gabe des naiven aber aufrichtigen Untertanen mit künstlerischen Ambitionen gleichgeschaltet werden. Mei, Celiks subalterne Sekretärin, ist längst gleichgeschaltet. Die Zuneigung des Beamten zu ihr bleibt jedoch unerwidert. Als Adem mit einem neuen Text zurückkommt, handelt es sich zu Celiks großer Verblüffung um den exakten Wortlaut ihres letzten Gesprächs. Adem kann nicht anders. Ohne es zu wollen, stellt seine Transkription der Wahrheit eine Bedrohung für die herrschende Klasse dar. Anstatt Adem zu lebenslangem Steineklopfen zu verdammen, ruft Celik einen weiteren Protegé und Freund, den abgehalfterten Stardramatiker Bax zur Hilfe. Der exaltierte, von seiner Großartigkeit überzeugte Filou freilich, kennt die dramaturgischen Tricks wie seine eigene Cowboy-Westentasche und inszeniert, ganz der Profi, Adems dritten Versuch frei von der fettigen Leber weg. Die unangenehme Wahrheit weicht dabei dem triefenden Pathos einer Kriegshelden-Schmonzette ganz im Sinne des Vaterlandes. Mei und Adem beginnen nun, zu verstehen. Durchschauen, warum in diesem Land Shakespeare und freie Meinungsäußerung verboten sind. Als die beiden sich näher kommen, trifft sie die volle Härte eines brutalen Machtapparats. Eine Geschichte im Mahlstrom politischer Unterdrückung, zwischen Freundschaft und Macht, Wahrheit und Lüge, Eifersucht und Rache hat da schon begonnen.


Kunst als verbrämte Erzählung

„Licht aus!“ Hektisch werden die Positionen gewechselt. Das Stück im Stück wird im Laufe der Vorstellung mehrmals wild unterbrochen. Und immer dann ist wieder Hochzeit. Die Tarnung ist überlebenswichtig und Schutz vor der ubiquitären Geheimpolizei. Für diesmal aber, ist es falscher Alarm. Gerhard Werdeker ist Initiator, Gründer und Leiter des Theater Spielraum. Seine Inszenierung räumt den jungen Darsteller*innen, ihrem famos eindringlichen Spiel und dem Hünen von einem Text klare Priorität in der szenischen Umsetzung ein. Kein visueller Pomp, keine wummernden Soundwaves. „Spiegel“ ist die ungefilterte Wucht des Sprechtheaters. Nichts anderes verlangen Dialoge dieses Formats und Ausmaßes. In kurzweiligen zweieinhalb Stunden oder auf 89 Seiten seziert Holcroft minutiös totalitäre Systeme und deren Mechanismen, als wäre es 1984. Politisches wird dabei mit kaustischem Witz und persönlichen Geschichten verwoben. Referenzen an Orwells Roman finden sich in Sprache und Requisiten. Opportunismus, Gewalt als deplorable Notwendigkeit oder die schönen Künste als verbrämte Erzählungen im Dienste der Propaganda ergeben hier ein Bild ungleicher Machtverhältnisse, von dem viele wissen, warum es gerade jetzt wieder so oft gezeichnet wir. Und so landen Mei, mit einem Sack über dem Kopf, und Adem, mit gebrochenen Händen, im Gefängnis. Bax, dessen Ruhm als gefeierter Autor längst in hochprozentigem ertrinkt, liest unterdessen Adems Transkriptionen und erkennt in diesem Spiegel, in den er kaum mehr schauen kann, was aus ihm, dem Regimegünstling und dieser, zum Stumpfsinn erzogenen Gesellschaft, geworden ist. Dann erhebt sich noch einmal das Publikum und liest laut die Rückseite der schon vergessenen Hochzeitseinladung vor. Die indoktrinierte Masse leistet ihren Schwur: „Hiermit erkläre ich unter Eid, dass ich die Gesetze meiner Nation unterstützen und gegen alle Feinde im In- und Ausland verteidigen werde … Ich opfere meinen Körper und Geist der ewigen Herrlichkeit des Vaterlandes.“ Und plötzlich heißt es wieder: „Licht aus!“ Es ist wieder Hochzeit. Diesmal jedoch, ist es kein falscher Alarm. Die Tarnung fliegt auf und ein ominöser, hochdekorierter Repräsentant (J-D Schwarzmann) und sein bewaffneter Scherge (Samuel Schwarzmann) führen eine weitere Peripetie herbei, auf der kühn die nächste und letzte Handlungsebene erklommen wird. Das Stück im Stück wird final zum Stück im Stück im Stück. Ist Adem wirklich Adem? Ist Celik doch nicht Celik? Wurden wirklich jemandem die Hände gebrochen oder steht das noch bevor? Lüge und Wahrheit verwachsen hier zu einem grandios kultivierten, fast undurchdringlichen Dickicht.


Literarische Finesse

Wer die Fähigkeit besitzt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ist den Herrschenden ebenbürtig. Dies gilt es, mit Gewalt, Zensur und Desinformation zu verhindern. So in etwa steht es im umfangreichen Programmheft zum Premierenabend. Werdeker gelingt vor diesem Hintergrund ein kaskadeskes Vexierspiel voller atemberaubender Würfe. Es zeigt die Furcht brutaler Regime vor jener Wahrheit, die Machtverlust, Delegitimation und Demaskierung bedeutet genauso, wie die vermeintlichen Held*innen, die solche Regime ins Wanken bringen können. Die analytische Schärfe mit der Holcroft diesen politischen Kontext durchleuchtet und die literarische Finesse, mit der sie ihre Figuren sprechen lässt, vereinigen sich zu einem Triumph der Erzählkunst, wie man ihn auf den großen Bühnen Wiens erwarten würde. Celik meint: „Der Mensch hat immer eine Wahl.“ Adem und Mei zeigen, wie unschuldig der Keim einer jeden Wahrheit ist und welche Möglichkeit dennoch aus ihm gedeihen kann. „Wehret den Anfängen“, hat Werdeker nach der Vorstellung bei seiner Dankesrede in familiärer Atmosphäre gesagt. Schön und nicht selbstverständlich, dass dieses Werk der preisgekrönten Dramatikerin, das im Original am Londoner West End gezeigt wird, seinen Weg in das Off-Theater im 7. Bezirk gefunden hat. „Spiegel“ wird noch bis zum 22. November aufgeführt.


Foto: © Barbara Pálffy
Foto: © Barbara Pálffy

 
 
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