Der Zorn der Verzweifelten
- tobiasnatter1
- 23. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Dez. 2025
Im Kosmos Theater wird der Jugoslawienkrieg jetzt anders erzählt. In „Die verschissene Zeit“ kommt die Perspektive jener zum Tragen, die für gewöhnlich ignoriert werden. Rabiat und einfühlsam zugleich gelingt ein Balanceakt, der auf dem gleichnamigen Poproman von Barbi Marković beruht
Eine Gruppe Teenager, halbstark, im schmuddeligen Tracksuit-Look der 90er-Jahre (Kostüm: Ivana Kličković) hängt in Banovo brdo ab. Der Habitus ist provokant, die (Körper)Sprache des harten Hundes, der zähen Bitch ist hier polternder Slapstick, in Wahrheit aber Teil des sozialen Kodex´ im Belgrader Ghetto des Jugoslawienkrieges. Er ist Selbstschutz im Ganggefüge, Signal an Freund sowie Feind und nicht zuletzt maßgeblich für die Hierarchie im Mikrokosmos Plattenbau. Unter dem eisernen Klettergerüst (Bühne: Monika Rovan), das im Hinterhof der Geopolitik zum Zentrum einer vergessenen Generation wird, ist diese Distinktion der Standesdünkel der Straße. Er stiftet Identität und bietet mithin Halt in einer Welt der Perspektivlosigkeit. Der Umgang ist rau, der Gestus breitbeinig. Auf dem harten Pflaster über dem Luftschutzbunker, inmitten von Drogen und Armut, muss man sich zu helfen wissen. Und es wären nicht die 90er, wenn nicht auch am kriegsgeschundenen Balkan der Breakdance hilft.
Imre Lichtenberger Bozoki (Konzept & Regie), geboren in Novi Sad, meinte in einem Interview, er habe beim Lesen des Romans das Gefühl gehabt, all diese Figuren aus seiner Jugend zu kennen. So inszeniert er nicht nur diesen Prolog als popkulturellen Balanceakt zwischen karikierter Milieustudie und einer zermürbenden Wirklichkeit. Was folgt, ist die dramaturgische Verflechtung einer videospielversifften Jugend an der szenischen Oberfläche und ihrer traumatisierten Existenz in der Tiefe der Handlung. „Die verschissene Zeit“ gelingt mit Komik und einem erstaunlichen Feingefühl für Menschen in der Konfrontation mit dem Schrecklichen, dem kaum Vorstellbaren. Und genau an dieser äußerst feinen Linie der Erzählkunst tanzt die Kraft dieses aufwühlenden, warmherzigen und gleichsam doch so witzigen Stückes ihren ganz eigenen Breakdance. Die Tragikomik findet sich in den Teenagern selbst, in ihrer Zerbrechlichkeit und Resilienz sowie in ihrer aberwitzigen Zeitreise durch die Geschichte einer Katastrophe, die ansonsten meist von anderen Standpunkten aus erzählt wird.
Wie groß kann Verzweiflung sein?
Das Bühnenbild (Monika Rovan) ist dabei Äquivalent zum trostlosen Dasein der Menschen am Balken der 90er-Jahre und schafft Raum für imaginäre Rekonstruktion. Die Bilder der von Projektilen durchlöcherten Betonfassaden glaubt man zwar vor sich zu sehen, auf der Bühne findet man diese jedoch nicht. Außer dem verlassen wirkenden Klettergerüst, zerschundenen Autositzen und ein paar Röhrenfernsehern, die zwischen der Jahreszahl des jeweiligen Zeitsprungs Nachrichten und Sitcoms aus jenen Tagen zeigen, gibt es dort nicht viel. Das Lebensgefühl der Region indes, packt die Live-Band im Blaumann der arbeitenden Leute aus. Pop, Turbofolk oder slawische Volksmusik geben sich mal melancholisch, mal aufbrausend die Klinke in die Hand (Komposition & Musikalische Leitung: Jelena Popržan; Live-Musik: Vladimir Kostadinović, Imre Lichtenberger Bozoki, Jelena Popržan).
Derart rasant also sind Vanja (Tamara Semzov), ihr Bruder Marko (Aleksandar Petrović) und deren Freundin, die Romni Kasandra (Simonida Selimović), auf der Suche nach einem Medaillon, einem Porsche und einer Zeitmaschine. Damit, so heißt es auf den Straßen der Vorstadt, könne man den Verlauf der Geschichte ändern. Für die drei scheint dies der langersehnte Ausweg aus einem Leben voller Gewalt zu sein und die Chance, ihre Welt wieder gerade zu rücken. Das wagemutige Unterfangen führt sie unter anderem zu einem verrückten Wissenschaftler, einer verblühenden Balkan-Madonna oder der traumatisiert irrlichternden Nachbarin. Imbezile Diesler (Barča Baxant und Daniel Wagner) und andere kapriziöse Klein- und Großkriminelle, welche die Kriegswirren für ihre Machenschaften nützen, tun ihr Übriges in einer vor Furcht erstarrten Sozietät: Galoppierende Inflation 1993, NATO-Bombardement 1999. Gibt es ein Entkommen aus der Hölle? Und ist die Situation im neuen Jahrtausend wirklich besser? Doch den Luxus dieser Fragen besitzen sie nicht. Wenn der eigene Vater von der Front als gewalttätiger Familientyrann zurückgekehrt ist, dann ändert man den Lauf der Geschichte, wenn man es nur irgendwie bewerkstelligen kann. Die Prügelattacken mit dem Ledergürtel sind nur ein weiterer Teil der Wirklichkeit, mit der sie konfrontiert sind. Alles besser als das. Wenn er also nicht an die Front muss, wird er nicht zum traumatisierten Gewalttäter. Die Lösung scheint klar. Sie schlagen ihn zum Krüppel, ersparen dem Schwanzlutscher so den Dienst an der Waffe und ihnen selbst die brutalen Schläge. Mit der nicht ganz einwandfrei funktionierenden Zeitmaschine (wie serbisch ist das bitte?!) geht es im Chaos der 90er-Jahre mal zurück, mal nach vor und man stellt sich die Frage, wie groß Verzweiflung eigentlich sein kann? So groß, wie die Realitäten erbarmungslos sind, in denen Vanja, Marko und Kasandra auf ihren Zeitreisen aufschlagen, bestimmt. Und so verroht, wie die Sprache dieser aus der Gesellschaft gefallenen Kinder.
Die Eloquenz einer Klospülung
Barbi Marković und Anna Laner (Textfassung) zelebrieren das gettoisierte Geschimpfe mit plakativem Witz und so direkt, wie die Typen sind, die es aus ihren Mäulern fauchen. Zudem dekodiert die angesagte, in Belgrad geborene Autorin mit semifiktionalem Blick den Slang der Vorstadtprolos für die Laien im Publikum. Ich scheiß dir ins Maul, du Schwanz! (= Dazu habe ich eine andere Meinung.) Beim Blut meiner Fotze! (= Das halte ich für unangebracht.) Was!? (= Mir fehlen generell die Worte). Der Furor dieses Fäkalduktus` besitzt anfangs die Eloquenz einer Klospülung, schraubt sich dennoch im Laufe des Exzesses über die Virtuosität des Gangsterrapps hinaus und ist nichts anderes als die Sprechweise der Zerrütteten. Ihre Waffe ist das Wort. Es ist der Zorn und das Aufbegehren gegen Hoffnungslosigkeit und ist am Ende auch Schutzschild der vor kurzem noch zarten Seelen.
Der Text stößt so aber längst nicht an seine Grenzen. Klug hebt er die Figuren auf eine weitere Ebene, auf der ihnen die vulgären Entgleisungen als Camouflage des vernarbten Inneren weggemeißelt und das biografische Dilemma freigelegt wird. Dunkel ist der Ausdruck, wenn die Psychologie das Tun einer ausgemergelten Gesellschaft auf der Bühne erklären soll. Die Mauerschau, der oft im Abseits stehenden Vanja, durchbricht folglich die vierte Wand. Die Gewalt der Eltern entlarvt sie als Kontrollverlust, ihren Bruder beschreibt sie als zu düster für Freundschaften. Das gesprochene Wort gelangt so zu einem Kraftbolzen, der dem explizit migrantischen Ensemble beachtliches abverlangt. Trotz des einen oder anderen Verhasplers bleibt die darstellerische Leistung von fesselnder Dynamik. Unerbittlich ist die Performance in ihrer Dringlichkeit und sanft in ihrer Erkundung der Dramatis personae. Auch physisch schenkt man sich nichts. Die waghalsigen Einlagen am Klettergerüst entsprechen den juvenilen Charakteren. Die Hektik bei der Umzieh-Orgie der beiden Verwandlungsartist*innen Barča Baxant und Daniel Wagner, die in knapper Reihenfolge mehrere Rollen verkörpern, kann man im Übrigen nur erahnen.
Und so hanteln sich die drei Zurückgelassenen durch ein Leben zwischen Need for Speed und Suizidversuchen, widerstehen dem Unglück im Großen und Kleinen und kämpfen, von der Welt unbeachtet, wo sonst niemand hört und fragt, im Getöse des zerfallenden Staates den Kampf für ihre unveräußerliche Gerechtigkeit. Ihre Liebe ist unschuldig, die Aussichten gering. In einer Welt der Erwachsenen allerdings, sind sie, die vermeintlich Halbstarken, die einzigen, die ihre Menschlichkeit trotz allem bewahren. Und freilich: Alles besser als das. Wer also keine Zukunft hat, reist am besten gleich in selbige. Oder etwa doch nicht? Mit ihrem vielleicht (?) letzten Sprung durch die Zeit landen sie in der Zukunft, wo die Schatten ihrer Vergangenheit wie Endgegner bereits warten. Die Videoprojektion zeigt Serb*innen von heute im Protest gegen ein korruptes System, in dem sich die Machthaber mit anderen Gesichtern aber ähnlichen Absichten immer noch die Schwänze richten. Das Ringen um die Zukunft des Landes dauert an. Der berührende Epilog der großartigen Tamara Semzov ist dann nichts anderes, als die literarische Manifestation der Verzweiflung all jener Vernachlässigten, die einer Macht des reinen Selbstzwecks auf Kosten der Menschen gegenüber stehen.
Bourdieu in Wallung
„Die verschissene Zeit“ ist Unterhaltung auf mehreren Etagen mit humoristischer Fassade und dunklen Räumen dahinter, die sozialpsychologisch durchleuchtet werden. Der hervorragend entwickelte Text kennt seine Figuren dermaßen gut, dass sie einen trotz ihres rabiaten Handelns auf ihre Seite ziehen. Poesie trifft auf adoleszenten Eskapismus. Schonungslose Ehrlichkeit auf unverbrämten Realismus. Die Regie folgt dem Text im Bewusstsein seiner Wucht und Üppigkeit, beschreibt die urbane Jugendkultur und die stets chauvinistische Gerüchteküche, die um sie herum brodelt. Wenn etwa Kasandra Läuse angedichtet werden, der freundliche Nachbar Kriegsverbrechen begangen haben oder dieser es mit jener treiben soll, dann ist man in die Niederungen der Wirklichkeit gelangt. Marković und Laner sparen zudem nicht mit anekdotisch-historischen Andeutungen. Ihre Figuren berichten von den Belgrader Studentenprotesten 1968 oder von blockfreier Magie, die sich im ominösen Medaillon befinden soll. Unter dem Klettergerüst schmückt man sich im dräuenden Turbokapitalismus derweil mit Nike und Lacoste. Die trügerischen Symbole einer womöglich besseren Welt jedoch, sind bloß das Etikett ihres nicht vorhandenen Status. Also Endzeitstimmung und Aufbruchstimmung nebeneinander. Ähnlich wie in Marcel Prousts Fin de siècle und seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Nur gibt´s statt Haute Cuisine Pljeskavica. Mit authentischem Ton und szenischer Finesse vermag die Produktion das Publikum tatsächlich in die 90er zu katapultieren. Tief gräbt dabei die Inszenierung in den Sedimenten menschlicher Abgründe. Das Formenprinzip ist die Übertreibung. Die Erzählweise ist steinhart und steinerweichend, einfühlsam und emotional zugleich. Dieser Geschichtsunterricht mit Street Credibility, dessen Dialoge Bourdieu in Wallung gebracht hätten, lässt in eine Zeit und ihren Geist eintauchen, deren disruptiver Systemwandel bis heute nachhallt. Was Erwachsene, damals wie heute, von ihren Kindern lernen können, sieht man aktuell an den Protesten in Serbien. Kinder ohne Aufsicht finden immer einen Weg. So hat das zumindest der verrückte Wissenschaftler gesagt. Vor allem, wenn man bei ihnen die Hoffnung nicht versiegen lässt, könnte man noch hinzufügen.
Viel zum Lachen, viel zum Nachdenken: Das hier ist zeitgenössische Dramatik in Bestform. Applaus für ein mutiges Stück! „Die verschissene Zeit“ wird noch bis 10. Jänner aufgeführt.









