Wo die Teufel Prada tragen: „Der Idiot“ als groteske Posse
- 13. Mai
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Die Premiere des Dostojewski-Stoffes im Bronski & Grünberg Theater hat es in sich, auch wenn ihr manchmal etwas der Schmäh ausgeht
In einer Küche in St. Petersburg feiert Nastassja (Marie Nadja Haller) ihren 25. Geburtstag. Zu „Fever“ von Peggy Lee schnippt die kapriziöse Abendgesellschaft mit den Fingern. Dabei sitzen oder stehen sie wie erstarrt, fast kafkaesk, als ob das die Ruhe vor dem Fiebertraum wäre: Der kindliche, von allen belächelte, gerade aus dem Schweizer Sanatorium zurückgekehrte Fürst Myschkin mit der Kleinen Lord-Perücke (Simon Bauer); Aglaja, die aparte Tochter aus gutem Hause (Adriane Grządziel); Nastassjas (Un)Wohltäter Tozki, ein in nahezu pathologischen Verrenkungen tanzender, im wahrsten Sinne des Wortes auszuckender, verunsicherter Choleriker (Christian Erdt); der oberflächliche Lackaffe Ganja (Johnny Mhanna); und der im Pelzmantel agierende, mit Geldscheinen um sich werfende, mit der Seele eines Aals ausgestattete Rogoshin (Sebastian Pass). Die Parvenu-Parade gleicht einem Gruselkabinett ausgestopfter Partyluder und -tiger. Und diese wissen offensichtlich nicht, wie ihnen geschieht.
Myschkin verliebt sich in Nastassja und durchkreuzt somit die Pläne des notgeilen Rogoshin. Tozki will Nastassja für Geld an Ganja verscherbeln, derweil Aglaja ein bisschen auf den wohlhabenden Myschkin steht. Es buhlt hier ein jeder um jede und vice versa. Und es saftelt auf der Bronski Bühne, wenn Martina Gredler frei nach Fjodor Dostojewski „Der Idiot“ inszeniert. Dabei knallen die Champagnerkorken hochfrequent, während sich die Fete von einer musikalischen Clubeinlage zur nächsten hantelt um schließlich als Eskalationsspirale Fahrt aufzunehmen. Die Küche wird solcherart zum Panikraum, zum Schauplatz eines klaustrophobischen Schlagabtausches zwischen den abgespannten Partygästen. Hier zerbrechen Sehnsucht und Verheißung wie Schampusflaschen auf dem Boden. Die sozialen Dynamiken, die sich nach und nach entfalten, sprengen beinahe den physisch vorhandenen Rahmen, der die Bühne tatsächlich umfasst und aus dem es kein Entkommen gibt. Das authentische, ja liebevoll gestaltete Bühnenbild - die Wasserleitungen sind außen an den Wänden angebracht – ist nicht nur deshalb ein Hingucker (Bühne: Anna Reichmayr).
Existentialistischer Basso continuo
Wer etwas über die Menschen lernen will, so heißt es, soll Dostojewski lesen. Gredler folgt dem Anliegen des russischen Schriftstellergiganten und lässt das Figurenpersonal folgerichtig wie launische Götter im Olymp greinen und lachen, verstohlen raunen und besoffen poltern. Gier, Korruption, Aufrichtigkeit, Verletzlichkeit - die ganze Palette wird im Sinne Dostojewski ausgestellt. Die flamboyante Stoffumwandlung des Klassikers schlägt dabei wild um sich, wird zur aberwitzigen Posse, die genau dann am kräftigsten zulangt, wenn der ernsthafte Kern, der ohnedies wie ein existentialistischer Basso continuo im Raum schwelt, freigelegt wird. Damit ist die Inszenierung trotz der karikierten Darstellung - oder gerade deshalb - ziemlich nah an den Menschen und ihren Kalamitäten.
Zumal auch bei Gredler der Gütige, der Ehrliche in der abgestumpften Partysozietät der „blödeste“ von allen ist. Es verwundert also nicht, dass ausgerechnet der naive Myschkin Nastassjas Menschlichkeit erkennt und diese ihr vor Augen führt; die zum Verkauf freigegebene ihn jedoch nur seines fürstlichen Reichtums wegen in Betracht zieht, bevor sie es sich am Ende wieder anders überlegt. Armer Myschkin, arme Männer?
Pseudo-Radio-Eriwan-Witze
Das Ensemble indes schwingt sich mit dem Impetus der Entfesselten über die Textmasse hinweg. Im Verausgabungsschauspiel verdichten sich Bewegung, Körper und Sprache zu einem Reigen suchender Menschen, die Niederträchtig sind, weil sie verloren sind. Angst nimmt ihnen die Worte, wenn sie stumm im Hintergrund Grimassen schneiden. Angst macht sie rasend, wenn am Bühnenrand lauthals das Schreien aus ihnen bricht. Die seelischen Bewegungen zwischen der Figurenkonstellation wandern mit komödiantischem Gestus hin und her, vom Inneren ins Äußere und zurück. Das Formenprinzip ist die Übertreibung. Gredlers größter Wurf in dieser Investigation des Menschseins ist die dramaturgische Entsprechung der ewigen Wechselwirkung zwischen Boshaftigkeit und Verzweiflung. Die Gesangs- und Tanzeinlagen, die grotesken Zeitlupenkämpfe, die lustvolle Dekadenz, die Apathie zwischen den Zeilen der Dialoge oder die brüllende Panik – das Ensemble greift stets in die Vollen. Die Abbildung der tragikomischen Runde, die weiß, dass sie gierig und fantasielos ist und sich deshalb hinter ihrem Zynismus verbarrikadiert, ist zum mit der Zunge schnalzen.
Gredlers Text schafft es aber nicht immer, den inhaltlichen Anschluss zwischen Dostojewskis Zeit und heute herzustellen. Die Ambitionen in diese Richtung erschöpften sich meist in gut gemeinten Sowjet-Witzen und Diktatorenschmähs, gegen die natürlich nichts einzuwenden ist. Die politischen Andeutungen jedoch wirken inkonsequent. Die Erzählung mäandert mithin etwas ziellos umher, entfernt sich bisweilen von ihrer Absicht, die in der humoristischen Durchleuchtung des Ungerechten liegt. Dem zeitlos Unschuldigen in Fürst Myschkin als eines der Leitmotive Dostojewskis kann mit unbeholfenen Putinwitzen nicht wirklich Rechnung getragen werden. Das Vulnerable als Angriffsfläche einer Gesellschaft, in der die Teufel alle Prada tragen (sehr stilvolle Kostüme: Lejla Ganic), wird durch redundante Polit-Kalauer verwässert. Hier schießt die Produktion über ihr Ziel hinaus. Die Pseudo-Radio-Eriwan-Witze sind, Ganja betont es als eine Art szenische Selbsterfüllung immer wieder, etwas peinlich. Zu oft ist dieser Humor ein konstruierter. Versucht sich in Politik sowie Geschichte und scheitert. Zwar nicht an der schauspielerischen Leistung, doch an seinem Anspruch. Intellektuelle Witze sind eben nur im richtigen Kontext lustig. Hier passen sie nicht zum Dirt der Groteske. Ihnen fehlt der Schwung, ihnen fehlt die Keule. Die vereinzelten Lacher im Publikum wirken in diesen Momenten passend dazu ebenfalls peinlich, fast schon unangebracht höflich. Das Stück punktet am meisten, wenn es mit seiner Komik in der Nähe von Dostojewskis Intentionen bleibt. Dann stimmen auch die Lacher wieder.
Versifftes Kammerspiel
Angesichts der finalen Katastrophe in der Romanvorlage, an deren Ende Myschkin nach Rogoshins Mord an Nastassja endgültig dem Wahnsinn verfällt, ist der feministische Determinismus auf den Bronski Brettern nachvollziehbar aber eben auch vorhersehbar. Das Happy End eines postmodernen Märchens wirkt ein wenig flach, wenn es Händchen haltend zur Selbstermächtigung kommt. Das aufbrausende Psychopanorama einer Gesellschaft im Turbogang, zwischen Abgrund und Hoffnung gelingt mit Abstrichen trotzdem. Im versifftesten Kammerspiel der Saison überwiegen die starken Momente deutlich die weniger starken und es wäre an keinem Ort besser aufgehoben, als im irisierenden Bronski & Grünberg Theater. „Der Idiot“ wird dort noch bis 17. Juni aufgeführt.









