Der Meusburger und die Maschine
- 3. März
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Aktualisiert: 7. März
„Processing Pinocchio“: Im Schubert Theater hat die KI die Puppe tanzen lassen
Simon Meusburger (Regie & Bühne) hat die KI ein Theaterstück schreiben lassen (Text: ChatGPT). Sie hat auch die Musik komponiert und die Visuals entworfen (Projektionen: Sora, Musik: Udio, Avatar Animation: d-id). Wenn die archaische Erzählform des Märchens auf die philosophischen Fragen unserer Zeit trifft, wenn Pinocchio zur KI, zu Pinochio 2.0 wird, die künstliche Intelligenz also eine Geschichte über künstliche Intelligenz und deren Möglichkeiten schreibt, dann ist neben der Maschinenkritik die existenziell-psychologische Frage nach dem Menschsein auch im Schubert Theater nicht weit. Seit es sie gibt, spiegeln uns Roboter und andere Gismos, die wir erschaffen haben. Und wie die Marionette auch, wollen wir Götter sie nach unserem Vorbild gestalten. Hernach sind sie dann immer nur so gut, wie ihre Schöpfer selbst. In „Processing Pinocchio“ werden zur Premiere drei Varianten des Endes einer Customer Journey und der damit beginnenden Beziehung des Kunden, der Kundin mit dem Produkt durchgespielt. Das Produkt ist Pinocchio 2.0, die Holzpuppen-KI für die kognitive Begleitung einsamer Menschen. Die kinderlose Mutter, der mürrische Einzelgänger, der todkranke Patient. Sie alle sind allein und wollen einen Begleiter. Stay Companion Systems, das Unternehmen der Zukunft, hat, was alle wollen.
Gefüttert und geliefert
Und man möchte es nicht wahrhaben: ChatGPTs Text ist substantiell und einfühlsam. Düster und komisch, nachdenklich und zutiefst psychologisch. Das kann man jetzt toll finden oder nicht. Dieser Produktion gelingt, was sie vorhat. Stimmungsvoll werden Episoden aus den Pinocchio-Originalerzählungen als digitale Silhouettenfilme in die Geschichte eingespeist. Auf den Bildschirmen rieseln im Matrixgrün die Bits und Bytes, während sich die Musik nahtlos in das melancholische Geschehen auf der Bühne einfügt. Meusburger verwebt, was er ChatGPT gefüttert und dann geliefert bekommen hat, zu einer atmosphärisch dichten Episodenfolge der tiefen Gefühle und großen Fragen nach unserem Sein und was Technologie mit uns macht und noch machen wird. Die Darsteller*innen (Stefanie Elias, André Reitter und Markus-Peter Gössler), die jeweils auch das Puppenspiel (Figurenbau: Michaela Studeny, Stefan Gaugusch) übernehmen, brillieren mit feinen Nuancen und einer ungemein gefühlvollen Herangehensweise an Sprache, Figuren und eine Erzählung, deren Motive zeitenthoben wie die Märchen und Automaten sind, die wir beide einst schufen und die uns seit damals Angst und Hoffnung bereiten. Ganz wie dieses Stück, welches das vermeintlich Widersprüchliche - das Vergangene, das Künftige; das Lagerfeuer des Märchenhaften und das Neon des Science-Fiction - klammheimlich zu einer dramaturgischen Symbiose zusammenführt und am Ende, nach dem überqueren dieser Brücke auf Zehenspitzen, die Frage stellt, ob es vielleicht doch nicht so schlimm wird, wie alle immer glauben. Wunderbar differenziert wird das alles von Meusburger und seiner KI im Schubert Theater durchgerechnet. Die Poesie all dessen mündet in einen zauberhaften Futurismus. Wie ein entgrenzter, aus der Zeit gefallener Traum, der noch nicht fertig geträumt werden kann, zieht diese Aufführung einen in ihren Bann. Der künstlichen Intelligenz verweigert man freilich den Applaus. Allen anderen nicht, ganz im Gegenteil!









