Mitleid mit dem Mörder: „Woyzeck“ salutiert im Ateliertheater
- 13. Feb.
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Aktualisiert: 15. Feb.
Regisseur Heinz-Arthur Boltuch inszeniert den ikonischen Stoff unmittelbar und ungefiltert
Ob Georg Büchner Mitte des 19. Jahrhunderts sich vorstellen konnte, dass sein Dramenfragment über den in die soziale Enge getriebenen kleinen Mann zum zeitlosen Meisterwerk und zu einem der meistgespielten und einflussreichsten Dramen der deutschen Literatur werden würde? Wahrscheinlich nicht. Des archetypischen Motivs jedoch, ist er sich natürlich bewusst gewesen und mit seiner mitreißenden Erzählkunst formte er dieses zum ikonischen Stoff, den wir heute kennen. Damit schafft er vor allem zwei Dinge. Büchner weckt in uns das Mitleid mit einem Mörder. Die psychologische Kraft des Stücks liegt in dieser literarisch-empathischen Leistung. Darüber hinaus erzählt er die Geschichte eines zeitlosen Menschen. Nämlich jenes Menschen, der es sich nicht aussuchen kann: Ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie pariert und salutiert der brave Soldat ausschließlich. Der Hauptmann kommandiert ihn herum. Seine Frau betrügt ihn mit dem höher gestellten Tambourmajor. Um seine psychische Gesundheit ist es schlecht bestellt. Die finanzielle Situation ist besorgniserregend. Der strukturellen Gewalt seiner Sozietät ist er hilflos ausgeliefert. Und dann wird es ihm zu viel. Waren wir nicht alle schon ein bisschen Woyzeck?
Melancholie und existentielle Verzweiflung
Boltuch lässt die Wucht dieses Textes ungefiltert wirken, die Dialoge bleiben nah am Original, auf unnötige Hermeneutik wird verzichtet. Die Schauspieler*Innen sprechen den Duktus des Vormärz und tragen die Fasson jener Zeit. Auf der schwarzen Bühne herrscht Minimalismus. Die Musik aus dem Off klingt, als käme sie vom Rosenhügel. Volkstümlich und klassisch, wie Filmmusik aus den 50er-Jahren fügt sie sich nahtlos in die Dynamik der Episoden-Folge ein. Die reduzierte Inszenierung lebt dabei vor allem von einer schauspielerischen Darbietung, welche die literarische Finesse in Büchners Stück unmittelbar zur Geltung kommen lässt. Das Ensemble (Doris Drechsel, Filipp Peraus, Jürgen Pfaffinger, Florian Sendlhofer, Katharina Smutny) glänzt mit einer unheimlichen Präsenz und Verve. Die poetische Dringlichkeit des Textes ist im Ateliertheater bestens aufgehoben. Melancholie, existentielle Verzweiflung - Büchners Überlegungen werden von einer hinreißenden Produktion förmlich zum Leben erweckt. Dem liegt zwangsläufig das tiefe Verständnis aller Beteiligten für eine Erzählung zu Grunde, die von Empathie und scharfer Beobachtungsgabe geprägt ist und von einer asymmetrischen Welt berichtet. Boltuchs Fokus auf diese Essenz kreiert eine Atmosphäre, in der das Leben selbst und die Schatten, die es wirft, auf der Bühne zu lodern beginnen. Das Bestürzende in den sozialkritischen Erkenntnissen des Autors wird greifbar an diesem Theaterabend. Bravo! Dafür gibt´s anhaltenden Applaus vom Premierenpublikum.









