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„Human (Ich bin Mensch)“ oder die Mutter aller Dick-Pics

  • 7. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Theater am Werk: Martin Gruber inszeniert nackte Tatsachen, um den Menschen selbst und den Clinch mit seiner Schöpfung zu entblößen. Für die rasante Uraufführung spielt sich das aktionstheater ensemble in Rage


Sind wir im Wettstreit mit der Maschine? Sieben rot-weiß-rote Fahnen hängen in der Vertikale. Echt jedoch, oder besser: analog, ist nur das Tuch. Die Projektion lässt die Farben behäbig im digitalen Wind wehen. In hellen Oberteilen und dunklen Hosen kommen die Protagonisten jetzt nach und nach auf die in schwarz getunkte Bühne (Bühne, Kostüm: Valerie Lutz, Anatol Löhr, Martin Platzgummer). Die schlicht gehaltenen Kostüme sind vielleicht schon die erste feine Andeutung einer sowohl individuellen als auch sozialen Dichotomie in unserer Gesellschaft. Mit der KI haben wir uns Konkurrenz am Arbeitsmarkt geschaffen, sie drängt uns in entmenschlichte Echokammern, stellt unsere Existenz in Frage und beeinflusst uns. Wo soll das alles hinführen, wenn künstliche Intelligenz, dort wo wir Gefühle und Fehler haben, mit kaltem Algorithmus punktet?


Handy-Zombies

Die Gegenüberstellung des menschlichen Scheiterns mit der optimierten Maschine ist bei Martin Gruber und dem aktionstheater ensemble eine hochgradig stilisierte Form der Wirklichkeit. Eine Performance, elektrisierend wie der Techno mit Geige am Bühnenrand (Liveband: Andreas Dauböck und Jean Philipp Oliver Viol). Die beiden Musiker stehen stoisch, mit nacktem Oberkörper hinter ihren Keyboard-Stationen und werfen brisante Tempowechsel ins Geschehen, während sich nackt an diesem Theaterabend bald als Stichwort erweisen soll. Denn entblößt wird nicht nur das vermeintlich mangelhafte im Menschsein.

Isabella (Isabella Jeschke) ist mit ihrem zweiten Kind schwanger und pleite. Benjamin (Benjamin Vanyek), mit dauergequältem Gestus, ist arbeitslos, glaubt aber noch an eine Karriere als Schauspieler. Kirstin (Kirstin Schwab) hadert damit, nicht verstanden zu werden und arbeitet frenetisch an ihrer Empathie. Thomas (Thomas Kolle) hat im Internet den Lebensberater gemacht. Der verträumte Andreas (Andreas Jähnert) zudem scheint W.O. gegeben zu haben und kommuniziert immer öfter in Tierlauten. Auf solche Art verlorenen, sind zwar mit guten Absichten bewaffnet, kreisen jedoch um Isabella und ihr ungeborenes Kind wie ein Schwarm Angeklagter, die um ihre Zukunft fürchten. Beliebige, weil ständig abrufbaren Antworten auf ihre existentiellen Ängste finden sie in den Smartphones, die sie bei sich tragen, wie entlastende Beweisunterlagen. Ihre Richter sind sie selbst. Die Handy-Zombies sind entfesselt.


Verausgabungsschauspiel

Und deren Welt gerät aus den Fugen. Isabella kriecht halbnackt für ihr Crowdfunding-Video auf allen Vieren, Benjamin ölt ihr den Hintern ein, Kirstins Augen sind weit aufgerissen, Andreas miaut und zwischen hypochondrischen Dialogen und Klopausen auf einem Kübel tanzt man immer wieder seinem Fatum entgegen. Die Mutter aller Dick-Pics zeigt darüber hinaus, was der digitale Wahnsinn aus der Zivilisation gemacht hat. Die schauspielerische Leistung indes ist nuancenreich bis in die letzte Pofalte hinein, Gesichts- und Körperarbeit sind pausenlos. Das Ensemble beeindruckt mit schweißtreibendem Verausgabungsschauspiel und schreibt Furcht und Hoffnung tief in die Physiognomie ihrer orientierungslosen Figuren ein. Was hier zu wummernden Sound-Frequenzen (Musik: Andreas Dauböck) eskaliert, ist fulminant in der Performance und veristisch im Text (Text: Martin Gruber und Ensemble). Die szenische Zuspitzung ist nichts anderes als Realität unter dem Brennglas. Dort sprudelt das Wortmaterial mit scharfkantigem Schmäh aus den Darstellern und wird zur Kritik an Populismus, Broligarchen und Zwangsoptimierung.

Gruber sucht in „Human (Ich bin Mensch)“ nicht nach Auflösung einer monolithischen Fragestellung. Er will die Konfrontation mit ihr. Er greift nicht hoch hinauf zu den Lösungen der Widersprüche unserer Zeit. Gruber ästhetisiert die negative Dialektik. Dynamisch, heiß-kalt, aufbrausend: Der Ton und seine Amplituden sind steil. Manisch spielt sich das Ensemble in Rage, um das Stück in einen dramaturgischen Rauschzustand zu erheben. Ebbt wieder ab. Erhebt sich. Ebbt wieder ab. Mit tosender Emotionalität stellt sich so das Figurenpersonal seinem vorgeblichen Endgegner. Und der ist, wenn nicht die virtuelle Maschine, deren Schöpfer selbst. Denn sein Werk wird so gut oder schlecht wie seine Absichten sein, kreiert er diesen Automaten doch nach seinem Ebenbild.


Aberwitzige Wirklichkeit

Fast unbemerkt durchläuft die Projektion auf den Fahnen nun mehrere Stadien. Die Farben verwandeln sich erst in menschliche Haut, dann in Arterien und Fleisch. Aus dem pochenden Inneren hinter den verkalkten Rippen schließlich schlüpft der lasziv tanzende Roboter (Video: Resa Lut). Die Erkenntnis, dass die Spiegelung von uns nicht weniger ambivalent ist als wir selbst, sollte aber niemanden mehr überraschen. Grubers Konfrontation mit der alles durchdringenden Technik mag im Sinne der Anklage einseitig sein – künstliche Intelligenz wird uns in vielen Bereichen noch Bärendienste erweisen - dieses Stück ist trotzdem Anarcho-Theater vom feinsten und bewegt sich irgendwo zwischen Maschinenkritik 3.0 und Liebe zu unserer Fehlbarkeit, ist mithin tragikomisch, voller Selbstironie und Gewagtheit. „Human (Ich bin Mensch)“ ist ein bemerkenswerter Kraftakt, der sich erfolgreich der menschlichen Widersprüchlichkeit stellt.

Sieben Fahnen, sieben Menschen. Am Ende werden zwei Flaggen eingeholt. Dann wird es dunkel. Dann bleibt es still. Applaus. Die Produktion wird noch bis 05. Juni im Theater am Werk aufgeführt.


Foto: Maximilian Lottmann
Foto: Maximilian Lottmann

 
 
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