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Von qualmenden Pflanzen und der geilen Oma

  • 19. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Uraufführung im Schubert Theater: „Die Blumen des Wolfs“ ist ein Puppenspiel für Erwachsene und öffnet das Tor zur fantastischen Welt des Christoph Bochdansky


Christoph Bochdansky ist im Figurentheater so etwas wie ein Universalgelehrter, ein Reisender. Der Puppenspieler, Ausstatter und Regisseur studierte Bühnenbild am Mozarteum in Salzburg. In Bochum absolvierte er das Figurentheater-Kolleg. An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, Studienzweig Figurentheater, und an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, Abteilung Puppenspielkunst, ist er Gastdozent. Bochdansky bespielt seit den 80er-Jahren nationale und internationale Bühnen. Eigene Produktionen – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene - bringt der gebürtige Tullner weltweit zur Aufführung.

Für die Regie des Stücks „Das Konterfei“ von Steffi Oberhoff wurde er 2005 mit dem Stuttgarter Theaterpreis ausgezeichnet. 2023 stand er unter anderem für das Stück „Blumengeschichte“ zusammen mit den Strottern auf der Bühne. In Wien kennt man ihn durch seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Figurentheater Lilarum und eben auch für seine Kooperation mit dem Schubert Theater. Simon Meusburger, Direktor des Figurentheaters für Erwachsene - wie sich die kleine Bühne in der Währingerstraße beschreibt, führte Regie bei Bochdanskys neuem Stück „Die Blumen des Wolfs“. Bochdansky selbst steht freilich auf der Bühne und übernimmt das Solo-Puppenspiel für mehrere Figuren. Auch für Puppenbau und Text zeichnet er verantwortlich.


Ein Kraftakt des grotesken Theaters

Und auf dieser Bühne da wuchert eine Art Märchenwald. Er wuchert, weil er lebt. Aus den sprechenden Pflanzen steigt ominöser Qualm auf. Käfer und anderes Getier surren und fliegen von Ast zu Ast. Was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie sprechen, und vor allem was sie sprechen. Philosophisch und launisch erforschen sie den geheimnisvollen Wald, der sich bald als unser Bewusstsein herausstellt, und wollen der generellen Verfasstheit dieser, also ihrer, also der Welt des Menschen ein Bein oder auch tausende Füße stellen. Denn diese beiden Sphären, das Reale und das Magische, sind bei Bochdansky ein knisternder Raum, vom Geiste Janoschs aufgeladen, durch einen Kraftakt des grotesken Theaters erdacht und zur surrealen Farce hochgezogen. Eine fantastische Metapher über den Mensch und seinen Zeitgeist voller absurdem Humor entfaltet sich. Das Abenteuer durch das Christoph Bochdansky von seinen Figuren nun geschickt wird und so vom Puppenspieler in der Rahmenhandlung zum dramaturgischen Bestandteil und Protagonist in der Binnenhandlung wird, ist von kindlich anmutenden Ränken und steilen Peripetien durchzogen. Die zweite Erzählebene verleiht der Inszenierung indes weiteren Schwung. Als Rotjäckchen soll er nun der Oma zur Erbauung Kuchen und Wein bringen. Die lustige Verballhornung des bekannten Märchenstoffes hat vor allem zwei Besonderheiten, aus der sie ihre Wirkung zieht. Das ist zum einen der seelenvolle Solokünstler auf der Bühne und zum anderen seine wunderbaren Klappmaulpuppen im Verbund mit diesem sich in liebevollen Details verlierenden Bühnenbild, das den schrullig-seltsamen Wald zum Leben erwachen lässt.


Ein Freigeist auf der Bühne

Bochdansky ist kein Schauspieler (Wer diesbezüglich eine furiose Leistung sehen will, muss zum Saisonfinale hin eine andere Bühne finden). Obschon er ein Spieler ist. Er spielt, wie nur wenige andere. Elektrisiert, mit quirliger Unrast hüpft und tanzt er zwischen und mit seinen Puppen durch diese zauberhafte Atmosphäre, die in warmes, schummriges Licht und den Bühnennebel sowie seinen typischen Geruch getaucht ist. Bochdansky ist Freigeist. Ein feinsinniger Mann, der – um Max Reinhardt zu zitieren – seine Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht hat, um bis an sein Lebensende weiterzuspielen. Ein Reisender eben. Der Ton in „Die Blumen des Wolfs“ ist salopp, das Vokabular kolloquial. Die anekdotische Evidenzreise auf der Schubert-Bühne führt jedoch nicht nur zu quasselnden und sich echauffierenden Fabelwesen, sondern auch, wie könnte es anders sein, zum Wolf.

Der hat einen Faible für Blumen und nachdem er den „Wald gecheckt hat“, ist man sich wieder nicht sicher, ob man den Kopf schütteln oder doch lachen soll, wenn bei Oma „Auffressen“ eine ganz andere Bedeutung bekommt. Es ist im Laufe des unterhaltsamen Abends meistens beides: Man lacht und schüttelt den Kopf, wenn das kapriziöse Figurenpersonal mit dem „alten“ Mann auf der Bühne unzufrieden ist und Lebensweisheiten zum Besten gibt. Zu platt sind diese Weisheiten jedoch bisweilen. Aus aller Welt, könnte man meinen. Da ist dann Ratlosigkeit immer der erste Schritt zur Besserung und Love and Peace die naive Antwort auf alle Probleme der Menschheit. Pointiert wird es wieder, wenn Rotkäppchens original brave Message für blöd erklärt wird. Die Feststellung, dass genau dann, also beim Verlassen des rechten Weges, das Leben erst so richtig lebenswert werden könnte, passt so herrlich treffsicher in dieses outrierte Stück wie Bochdansky zu seinen Puppen. Wo er Recht hat, hat er Recht. Ein Reisender eben.


Das Schöne im Einfachen

Die Lösung, die einer der Käfer für uns und diese Welt, in der wir nur Passagiere sind, hat, ist am Ende zwar simpel und sympathisch; doch wenn es nur so einfach wäre! Aber genau darauf will Bochdansky den Scheinwerfer wissen. Er findet das Schöne, das Einfache im vermeintlich Komplizierten und verzichtet dabei auf den moralinsauren Zeigefinger. Seine Erkenntnisse sind Vorschläge, keine apodiktischen Schlussfolgerungen und sind dabei so blumig wie der Soundtrack zu dieser - im wahrsten Sinne des Wortes - fabelhaften Geschichte, die wie die Erkundung eines Traumes anmutet und eine andere Art der Selbstwahrnehmung andenken will.

Bochdansky hat das Talent zum kindlich sein, kennt die Pfade abseits der breiten Theaterwege und weiß auch deshalb zu erzählen. Ein Reisender eben. Das Premierenpublikum mochte das sehr. Schmunzelnd wurde es in den lauen Abend entlassen.


Foto: Gregor Grkinic
Foto: Gregor Grkinic

 
 
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