Wie man der Fledermaus die Flügel stutzt
- tobiasnatter1
- 24. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Nov. 2025
Johann Strauss´ Klassiker wird in „Die Rache der Fledermaus“ von der Wiener TheaterArche genussvoll zerknüllt und zu einem clownesken Lustspiel mit gesellschaftspolitischen Pointen auseinandergefaltet
Können Sie es noch hören? Im Jubiläumsjahr des Walzerkönigs gleiten die Dreivierteltakte über die Bühnen Wiens wie der Lurch über den Parkett beim Durchlüften. Und jetzt gibt es wieder eine Neuinterpretation der Fledermaus. Was aber an großen Spielstätten nicht gelingen würde, kann an Wiener Mittelbühnen - mit anderen Voraussetzungen und Ambitionen - wunderbar funktionieren: Thyl Hanscho (Regie, Text) und Bernd Oliver Fröhlich (Musik) verwandeln die Operette in ein sprudelnd komisches anarchisches Theaterstück mit Musik. Die dramaturgische Verballhornung gerät jedoch nicht zum Fleischwolf des ikonischen Stoffes. Die Neuinterpretation ist diesmal nur wirklich eine. Das Postkartenidyll wird nicht besudelt, es wird bunt bemalt. Aus einem Männerabend wird ein Frauenabend. Aus Nostalgie Humor im Zeitgeist. Aus Prestige ein Kleinod. Manami Okazaki leitet die TheaterArche, ist Opernsängerin und Schauspielerin. Sie führte „Die Fledermaus“ in ihrem Heimatland Japan bereits als Solostück auf. Mit der Idee einer ganz anderen Fledermaus trat sie an Hanscho heran. Und so bleibt ihre Adele die einzige Figur in dieser Aufführung, die klassisch singt. Wenn Okazakis Crescendo gleichwohl in den skurrilsten Rapp der Geschichte des 6. Bezirks kippt, wird es richtig lustig, ja fast avantgardistisch. Anne Rab als Rosalinde Eisenstein und Sebastian Egger in der Rolle des Frosch vervollständigen das komprimierte Dreipersonenstück. Fröhlichs Musik klingt indes wie der Soundtrack einer 90er-Jahre-Filmkomödie. Strauss´ Melodien werden dabei nur vage zitiert, mal mehr, mal weniger verfremdet. Der Gesang des Trios oszilliert derweil zwischen quiekender Kakophonie und vibrierendem Sopran. Die anachronistischen Beats passen zum Nachtclub, in dem es zum Showdown kommen soll.
Batwoman auf Rachefeldzug
In der Fledermaus nämlich will Rosalinde ihren Mann auf der Sylvester Party des Oligarchen Orlofsky beim Fremdgehen auf frischer Tat ertappen. Ihre übergriffige Affäre Alfred ist sie schon losgeworden. Jetzt fehlt noch die Rache am Gatten Gabriel. Mit Hilfe ihres Dienstmädchens Adele, die andere Pläne hat, und dem Polizisten Frosch, mit Maske und als Batwoman zieht sie in den Feldzug. Die sozialen Bruchlinien, auf die sie stoßen, verlaufen dabei nicht nur zwischen Mann und Frau. Videoprojektionen zeigen Wiener Denkmäler zur Dekonstruktion üblicher Klischees oder die durch Gassen torkelnden Protagonisten. Vor den Lichtern der Stadt gerät eine wilde Nacht außer Kontrolle. Eine schrille Posse, in der zwischen humoristischen Wortstafetten gesellschaftskritische Passagen nachdenklich stimmen, entfaltet sich. Der dionysisch saufende Frosch etwa, der passend zur Batwoman als Joker zur Party gekommen ist, hat seinen Nervenzusammenbruch beim Durchblättern eines Kleinformats. Der tragikomische Zirkusclown stolpert auf der Suche nach sich selbst über seine Beine, über sein Dasein. Seine Hilflosigkeit ist von polternder Natur. Eggers Körperarbeit ufert ins Groteske aus. Die Schminke rinnt ihm aus dem Gesicht. So einen Joker hat Wien noch nicht gesehen. Ein weiterer Höhepunkt ist Anne Rab. Ihr komödiantisches Talent ist schlicht entwaffnend, ihr Spiel präzise, zum Brüllen komisch und auch in den nachdenklichen Momenten, wie einem musikalischen Plädoyer für Toleranz, begeisternd. Auf der kleinen Bühne in der Münzwardeingasse ist sie ein Ereignis.
Ein pralles Stück Humor
Hanschos Dialoge dazu sind spritzig und geistreich, zitieren das Original oder transformieren es ganz ungeniert zu etwas Neuem. Die Ästhetik ist Comic-Haft (Bühne: Nathalie Noel und Cintia Sepp). Das Spiel der Darsteller clownesk und mit feiner Selbstironie angereichert. Die Inszenierung ist süffig, ein pralles Stück Humor. „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist“ meint hier den Mut zur konstruktiven Veränderung im Kleinen wie im Großen. Die Wunde unserer Gesellschaft, die wir Spaltung nennen, wird mit künstlerischem Optimismus behandelt. Nur „Imagine“ von den Beatles hätte das noch besser auf den Punkt gebracht. Rosalinde, Adele und Frosch zumindest kommen sich selbst und einander näher. Das famos unterhaltene Publikum dankte mit anhaltendem Applaus. „Die Rache der Fledermaus“ wird noch bis 31. Jänner aufgeführt.









