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Uraufführung im Theater Drachengasse: Die Mechanismen der Macht und deren sarkastische Entzauberung

  • 4. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Feb.

Valerie Voigt inszeniert mit Kiki Miru Miroslava Svolikovas „Staatsfragmente (Ein Königsmärchen)“ ein Stück, das sich mit der Macht an sich und skrupellosen Mächtigen anlegt


Als die Menschheit ihren Anfang nahm, war es noch relativ still. Da knisterte höchstens das Lagerfeuer, um das sich nun drei sonderbare, urzeitliche Gestalten auf der Bühne bewegen. Gebückt, auf hölzerne Armverlängerungen gestützt, stumm und weiß im Reifrock. Das Weiß der Unschuld ist es jedoch nicht. Die Gier nach Autorität, so möchte man meinen, schlummert seit Anbeginn der Zeit als Potential in den Lebewesen, und als sie zum Menschen wurden, kultivierten es manche. Der postdramatische Weißclown im Theater Drachengasse also trägt seine noble Blässe als Chiffre der Überlegenheit, der Ordnung - nämlich der seinen - und der Distanzierung gegenüber den Minderen.

Seine Eitelkeit und Arroganz wird hier zur Karikatur des Vertreters einer skrupellosen Herrscherklasse gemacht und führt zum Kern der Botschaft dieser Produktion und durch eine Chronik der Auf- und Niedergänge von Despoten, Monarchisten und ungebildeten Narzissten. Und so kommt es, dass ein Prototyp dieser Gattung, der vierte Mimus albus (Sebastian Thiers), als Dinosaurier getarnt, den drei ahnungslosen Urmenschen einen Holzarm wegnimmt. Jetzt hat er, was eigentlich ihnen gehört und was sie brauchen. Jetzt hat er Macht und findet bald die großen Worte dazu. Ein paar Zeitalter später ist der hölzerne Behelf zum Symbol geworden. Und noch einmal später werden sich andere wundern, wie übel und absurd Auswüchse politischer Legitimationsversuche sein können.


Der enthemmt koksende König

Kiki Miru Miroslava Svolikova entzaubert in „Staatsfragmente (Ein Königsmärchen)“ die Mechanismen der Macht und stellt mit ihrem Text zugleich das Monströse in ihr aber auch das Lächerliche in ihren Protagonisten bloß. „Sprache/Gewalt“, „Glaube“, „Inszenierung“, „Technik“: Was die Projektion auf die schwarze-weiße, meist leere Bühne (Thomas Garvie) wirft, sind die Mittel zum Zweck. Etliche Epochen nach dem Coup d’État im aufgeblasenen T-Rex Kostüm gibt nun ein blasser Papst (Johanna Sophia Baader), mit dem Holzarm wild gestikulierend, seine letzten Befehle. Der weiße Reifrock ist mit kardinalrot Behangen (Kostüm: Katia Bottegal). In manierlichem Audienzton pfeift er buchstäblich aus dem letzten Loch. Panisch defilierend ahnt er sein (politisches) Ende. Der Gleiche unter den Ungleichen ist nicht mehr der Gleiche unter seines Gleichen! Draußen vor dem Balkon ändern sich die Zeiten. Der Habitus seiner opportunistischen Untergebenen hat was von einem perfiden Ringel, Ringel, Reihe - Spiel. Sie wittern ihre Chance (Choreografie: Christina Osternig).

Einen Zeitensprung später wirft ein vollkommen enthemmt koksender König (Lukas Haas) im weißen Reifrock und barocken Puffärmeln die Nerven weg, wie sie noch nie zuvor jemand weggeworfen hat. Er wedelt mit dem Holzarm. Aus dem blassen Gesicht starren weit aufgerissene Augen. Sein glucksendes Entsetzen artikuliert die galoppierende Verzweiflung. Die Reichskleinodien fallen ihm vom Kopf. Draußen vor dem Balkon rebelliert das Volk. Wie soll er zu ihm sprechen? Was soll er bloß anziehen? Ein Jammer, dass man das rechte Volk nicht casten kann! Die ihn hysterisch umflatternden Untergebenen wittern ihre Chance. Ein letzter Sprung führt in die Gegenwart. Ein Politstar (Nataya Sam) mit dem Holzarm in der Hand posiert im Blitzlichtgewitter. Es tönt die digitale Welt. Es blinkt das Handy. Es labert die KI: Social Media allenthalben. Doch wer sind nun die Untergebenen, wer übernimmt am scheinbaren Ende einer gesellschaftlichen Entwicklung? Folgt am Höhepunkt gar die zivilisatorische Rückabwicklung durch eine Art Phasenvariation des Mächtigen? Macht jedenfalls, so scheint es, ändert sich nur an deren Oberfläche. Gewechselt werden nur die Werkzeuge, ihr Wesen bleibt in den Epochen immer das gleiche.


Der evolutionäre Irrtum

Valerie Voigt (Regie) inszeniert einen aberwitzigen Fiebertraum von Menschen im Machtrausch, deren pathologischer Ehrgeiz und Angst vor politischem Kontrollverlust so totalitär sind, wie ihr wankender Staat. Zu diesem Zweck reiht die Regisseurin Svolikovas ursprünglichen Kurztext zu einer atmosphärischen Loopstruktur. Die Theatermontage befasst sich so mit den Anfängen und den Zäsuren vier historischer Dekaden. Das Slapstick-Kammerspiel kommt mithin wiederholt und fast ausschließlich aus den Gemächern der Absolutisten. Mit Humor und schrillen Akzenten in der Bearbeitung der literarischen Motive demaskiert Voigt darüber hinaus die groteske Dekadenz korrupter Systeme. Ihre szenische Übersetzung des Wortmaterials ist famos und mit sarkastischen Stacheln gespickt. Das Grimassen schneidende Ensemble – jeder regiert in seinem eigenen Loop als König - brilliert derweil in fulminantem Schlagabtausch oder im hektischen Staccato des Sprechchors. Svolikovas rasanter Text wird zum Parforceritt für die Darsteller*innen. Der virtuos entstellte Syntax zermalmt alles Naturalistische in den Dialogen, deren Akrobatik teils jandl´sche Züge annimmt. Das Sprachspiel hallt nach im Kanon von „Froh zu sein bedarf es wenig“ oder zu den Klängen von Queen, verschmilzt mit Tönen und Geräuschen, mit der Beleuchtung oder dem Halbdunkel, verknappt sich mitunter zu launigen Ellipsen. Das minutiös in die Dramaturgie implementierte Sounddesign von Johanna Sophia Baader, synchronisiert das Ganze dabei zu einem intensiven Theatererlebnis.

Diese Dekodierung eines scheinbar evolutionären Irrtums - nämlich der Macht und der von ihr Getriebenen - ist saukomisch und bitterböse zugleich. Wenn sich eine Aufführung der Art veristisch und zudem analytisch mit struktureller Gewalt anlegt, bereitet das große Freude und gibt ein bisschen Hoffnung für kommende Dekaden. Denn wenn am Ende der Könige weiße Kleider fallen, sind sie alle nackt. Wie Recht dieses brandgefährliche Stück doch hat.


Foto: Barbara Palffy
Foto: Barbara Palffy

 
 
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