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So lange, wie die Autorin Atem hat

  • tobiasnatter1
  • 14. Okt. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Die Stückentwicklung „Krepierkenntnis“ wurde am Samstag im Theater am Werk am Petersplatz uraufgeführt. Der performative Nachhall an die früh und plötzlich verstorbene Salzburger Autorin Helena Adler begeisterte das Publikum


Das Theater am Werk ist eine coole Sau. Die Spielstätte am Petersplatz, das flamboyante Kellertheater in Mitten des dekadenten Gucci-Glitters und der historischen Pracht des 1. Wiener Gemeindebezirks, ist ein Kleinod mit subversivem Kontrastprogramm zu dem, was sich dort vor der Eingangstür für gewöhnlich zuträgt. Gleich gegenüber treffen sich Gläubige zum Gebet in der barocken Peterskirche, ums Eck gieren Touristen nach dem Gepränge in den Schaufenstern, während einen Stock tiefer performatives Theater gespielt wird. Man hat das Gefühl, das kann nur Wien. „Krepierkenntnis“ von und mit Mirjam Klebel und Nicola Schößler basiert auf den Werken „Fretten“ und „Misere“ von Helena Adler, der 2024 verstorbenen Autorin und Künstlerin. Ein Stück, wie das Echo ihres rebellischen Schaffens. Ein Stück, das auf die Verdichtung von Sound, Text und Physis besteht. Auf spektakulären Ballast zur szenischen Auffettung wird verzichtet und inszeniert so ein energetisches, postmodernes Varietee. Die intime Atmosphäre füllt sich mit Live-Musik (Soundguy Benjamin Lageder), Tanz und Adlers poetischer Kraft der fragmentarisch, erzählend aus dem Off und in Dialogen nachgerufen wird.


Ois is Nix und Nix is Ois

In solcher Weise vermengen sich der Alltag eines Paares sowie dessen Vergangenheit und Zukunft mit der schonungslosen Auseinandersetzung Adlers mit sich selbst, ihrer Krankheit und dem Ende ihres Lebens. Oder: Die Liebe trifft mit voller Wucht auf den Tod. Was denn sonst soll man der Sterblichkeit entgegenwerfen, wenn nicht das einzig andere Große, nicht fassbare neben dem Endgültigen auf dieser Welt (Mirjam Klebel übrigens, hat Adler in ihrer Krankheit und bis zu ihrem Lebensende begleitet). Die Aufführung begegnet der Schwere des Themas außerdem mit absurdem Humor, der als Distanzierung dem Schrecklichen vorübergehend das Schreckliche nehmen soll. Comic Relief. „Ois is Nix und Nix is Ois.“ Diametral ist auch die Beleuchtung entweder hell und weiß oder runtergedimmt. Adlers komische Alliterationen treffen in diesem Licht auf Chili-Fürze, ihre literarische Virtuosität auf ein schwarzes Loch oder die verschriftlichen Gedanken aus jener Zeit, in der sie schon im Sterben lag, auf ein im Wasserkocher brodelndes Würstel. Dabei findet die versiegende Zeit ihre Verarbeitung freilich nicht ausschließlich im Wort. Die Körper der Darsteller*innen zucken unter anderem zum polternden Techno, krümmen und biegen sich, falten sich zusammen oder auseinander, bevor sie nach großer Kraftanstrengung in die Stille fallen und am Boden zusammensacken. Dem Tanz folgt das Regungslose, dem Leben die Ohnmacht. Das alles vor einer historischen Doppeltreppe (Bühne Daniel Domig), an deren oberen Ende der Elfenbeinturm wartet. Das Einzige, das außerhalb der Zeit existiert, so scheint es, ist der Tod. Ersterem jedoch, konnte Adler ein Schnippchen schlagen, da ihre Kunst noch länger bleibt. Das Theater am Werk trägt dazu bei.


Sprachrebellin

Der Soundguy indes, ist Teil der Erzählung. E-Gitarre, Klavier, synthetische Töne oder das Geräusch zerknüllten Papiers begleiten die Inszenierung. Dabei sitzt er nicht in einem Eck. Er geht von Station zu Station. Gesungen wird dann im Kollektiv. Polyfon, in Form der Volksmusik im Salzburger Dialekt oder mitreißende Popballaden. Darsteller Christoph Rothenbuchner gibt sich bei dieser Gelegenheit ein Klarinettensolo, dass es aus dem Schalltrichter dampft. Man hat keine Angst vor etwas Pathos. Er passt ganz gut zu den popkulturellen Ambitionen dieses Theaterabends. Das Unmittelbare in ihm verkürzt die Strecke zum hervorragend unterhaltenen Publikum. Die Spielfreude des Ensembles ist derweil unverkennbar und ansteckend. Ideologisches wird weitgehend ausgespart. Stattdessen sprechen die Elemente: Sound, vibrierende Körper und die persönlichen Texte einer Sprachrebellin. „Krepierkenntnis“ ist eine leidenschaftliche Performance eines bemerkenswert aufspielenden Ensembles. Diese Produktion blättert im literarischen Erbe der Autorin, in dem sie sich auf die Schwingen der Adler setzt und sich in die luftigen Höhen ihres Wortmaterials begibt. „Darum haste ich ein letztes Mal in die Geschichte, ich haste in die Geschichte, weil man mir versichert hat, meine Geschichten wären immer so lange, wie die Autorin Atem hat, und ich möchte sie erzählen, bevor mir die Luft ausgeht.“ Und dann geht sie hinauf in ihren Elfenbeinturm. Langer Applaus. „Krepierkenntnis“, eine Hommage an Helena Adler, wird noch bis zum 12. Oktober aufgeführt.


Foto: Victoriia Nazarova

 
 
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