Wenn Ironie den Generationen und dem Feminismus begegnet
- tobiasnatter1
- 10. Mai 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Nov. 2024
Mit einem groß aufspielenden Frauenquartett wurde am Mittwoch „Capri“, eine Mutter-Tochter-Geschichte mit all ihren Widersprüchen und Emotionen, im Wiener Schauspielhaus zur Uraufführung gebracht.
Anna Gschnitzer arbeitet mit messerscharfer Akkuratesse heraus, was Frauen schmerzlich trennt und doch in diesem Schmerz verbindet. Denn auf dem Weg zu hehren Zielen können Fehlbarkeiten Stolpersteine selbst für jene sein, die mit guten Absichten oder Argumenten bewaffnet sind. Wir sehen eine Mutter-Tochter-Beziehung als Problemregion, weil Feminismus und Generationen genauso von verschiedenen Interessen geprägt sind, wie dessen Akteurinnen keine homogene Gruppe abbilden und von Zeit zu Zeit ihre Wünsche, Ziele und Motive in Frage stellen können.
Der Konflikt zwischen einer ledigen Schriftstellerin (Iris Becher, Florentine Krafft und Sissi Reich), die sich ihrem Dorf und ihrer Arbeiterfamilie entrissen hat und ihre Beinbehaarung auf Instagram postet sowie ihrer Mutter (Ursula Reiter), einer pensionierten Pflegearbeiterin, die, von ihrem Mann geschieden, ein zurückgezogenes Leben führt, entfaltet sich, während die Suche der jungen Künstlerin nach sich selbst, von Valerie Voigt schrill und körperbetont inszeniert, zum asymptotischen Galopp zu ihrem Ich, ihrem Sein, dessen Sinn aber auch zu ihrer Mutter entlang gesellschaftlicher Bruchlinien wird. Die drei Facetten ihrer Persönlichkeit rutschen aus und ab, klettern hoch und purzeln in ihren rosafarbenen, mit Neonnippeln akzentuierten Nassanzügen (Katia Bottegal) wieder herab. Die Bühne (Thomas Garvie) ist wie das Leben. Sie hat Schieflage. Die vibrierende Live-Perkussion von Katharina Ernst punziert Voigts neue Dramatik. Gschnitzer meißelt mit ihren Dialogen dem Blockbuster-Feminismus die Oberfläche weg, bis endlich dessen unvollkommener Körper übrig bleibt, legt Bevormundung und Ignoranz frei: Eine Uraufführung zwischen polternder Komik und grüblerischer Spurensuche.
Was wäre, wenn …?
Und dann gibt es da vor allem dieses Bild. Es geht der Tochter nicht mehr aus dem Sinn. Es zeigt ihre elfjährige Mutter mit cooler Sonnenbrille auf Capri. Doch die war als Kind nie im Urlaub. Zu entbehrlich war das Leben der Arbeiterfamilie, und Sonnenbrillen trug damals auch niemand. Dann aber kullern Capri-Orangen die Bühne hinunter und die Insel wird zum Sehnsuchtsort in einem Paralleluniversum, dem sie nun gemeinsam entgegen fahren. Kann die Tochter dort endlich ihren zweiten Roman fertig schreiben, die Mutter ihren geschundenen Körper pflegen? Man fährt jedoch im Kreis. Der Generationenkonflikt spitzt sich zu. Ihre Erwartungshaltungen und Ansprüche an einander sind zum Scheitern verurteilt. Denn hätte die Mutter als Kind nach Capri reisen dürfen, sie hätte ein anderes, ein selbstbestimmtes Leben geführt. Ein Leben mit Sonnenbrille. Ein Leben, wie es sich die Tochter für die Mutter vorstellt. Der Enge des Dorfes entflohen, hätte sie keine verrunzelten Ärsche wischen müssen. Doch diese Existenz hat sie nun mal – zum Unverständnis ihrer Tochter - nie geführt. Dennoch erahnt diese, dass sie ohne das glanzlose Leben ihrer Mutter vielleicht nie geboren worden wäre. Egal, sagt der dreistimmige Sprechchor ihres inneren Ichs, nachdem es sich einmal mehr in Widersprüche verwickelt hat. Der Vorwurf bleibt. Die Mutter hat sich nie erhoben, sich nur um andere, nie um sich selbst gekümmert. Doch auch ihr Enkelwunsch bleibt unerfüllt. Für ihre Tochter wünscht sie sich ein "normales" Leben. Eines, wie das der alten Freundin im Dorf, die dort im Eigenheim mit ihrem Gatten ihr zweites Kind erwartet. Ein Leben, wie es sich die Mutter für die Tochter vorstellt. Es tickt nicht nur der Countdown zur Roman-Abgabe beim Verlag. Mit Ende 30 tickt die biologische Uhr noch lauter. So sitzt man sich gegenseitig im Nacken, bedrängt das jeweilige Weltbild.
Ihre Vorwürfe sind das Verlangen nach Verständnis und Manifestation von Generationsunterschied. Aber auch die Projektion der eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten. Beide beschuldigen sich ihrer Einsamkeit und ihres Lebensentwurfs. Während sich die eine an ihrer Herkunft abarbeitet, scheint das Leben der anderen klein, fast sinnlos. Die Beziehung verknotet sich zu einem Dickicht der Gefühle, wird zum Generationen umspannenden Geflecht imaginärer Unabhängigkeiten. Der Konflikt gipfelt in der Bevormundung der Mutter durch den vorgeschobenen Feminismus ihrer Tochter. Erstere will der „Putzfrau“ im WC der Autobahnraststätte Trinkgeld geben. Letztere erklärt ihr barsch, wie herabwürdigend der Begriff Putzfrau sei. Korrekt und ohne jede Diskriminierung hieße das heute Reinigungskraft. Es folgt ein von Reiter fulminant vorgetragener Befreiungsschlag, der die Prioritäten der Arbeiterfrau, der ewig korrigierenden Political Correctness einer unreflektierten Feministin gegenüberstellt.
Das Trennende und das Verbindende
Eine zentrale Botschaft in „Capri“ also an den, die feministische Debatte bestimmenden, hybrischen Standesdünkel, der allzu gerne meint, für alle sprechen zu können oder zu wissen glaubt, was Frauen anderer Milieus für richtig oder falsch zu halten haben. Ein Plädoyer für die im Diskurs ungehörten Frauen und deren diverse Interessen und Meinungen im Spannungsfeld eines akademisch-privilegiert geprägten Feminismus könnte man es auch nennen. Mutter und Tochter trennt der Kontext, die gesellschaftspolitischen Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen sind, die verschiedenen Prioritäten und Perspektiven anderer Generationen, die fehlende oder die akute Freiheit. Die äußeren Einflüsse, die sozialen Normen und Erwartungen waren damals andere als heute. Was sie in beiden auslösen aber, ist das, was sie verbindet. Ihre Einsamkeit, das Verletzliche, die Sehnsucht nach Nähe und Verständnis, ihr Verlorensein zwischen den Generationen und deren Ansprüche. Was sie eint, ist ihr Schmerz. Gschnitzer sucht das Trennende und das Verbindende, zeichnet eine Art Genealogie, denkt über Einsamkeit und Verletzlichkeit in Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern nach.
„Capri“ ist humorvoll und erfrischend ehrlich; ein Schlaglicht, das die modrigen Ecken des Feminismus ausleuchtet. Gschnitzer hat ein launisches sowie relevantes Stück entworfen, welches die Ambivalenz vermeintlich guter Absichten schonungslos entlarvt und Unebenheiten zwischen den Generationen zum Glück erst gar nicht zu glätten versucht. Lösungen werden keine angeboten, auf kolloquiale Exegesen wird verzichtet. Nicht alle Fragen müssen oder können beantwortet werden. Die anfängliche Distanz zum Publikum wird weggespielt, es wird mit auf die Reise genommen und bedankte sich dafür mit stürmischem Beifall.

Foto: © Marcella Ruiz Cruz








