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Das Theater am Werk meldet sich mit „Die Verlorenen“ zurück

  • tobiasnatter1
  • 24. März 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Mai 2024

Die österreichische Erstaufführung des Opus Magnum von Ewald Palmetshofer war ein gelungener Einstand für die neue Leitung im Kabelwerk.


Die Zumutungen der Existenz sind oft unsere menschlichen Unzulänglichkeiten. Das trifft zumindest für jene Privilegierten zu, die in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben. Die Hölle entfachen wir uns dann schon selbst, reichen Kränkungen und Traumata von Generation zu Generation wie Erbkrankheiten weiter. Ewald Palmetshofers „Die Verlorenen“ wurde als österreichische Erstaufführung zur Spielzeiteröffnung des Theaters am Werk eben dort auf die Bühne gebracht. Die Anspannung war nicht die Übliche vor einer Premiere. Das Knistern in der Luft des Donnerstagabends hatte etwas Schicksalhaftes an sich. Vieles ist neu im Kabelwerk. Der große Saal wurde fein rausgeputzt und die neue Intendanz,  Esther Holland-Merten, künstlerische Geschäftsführung und Alexandra Jachim, kaufmännische Geschäftsführung, begrüßten das Publikum freudestrahlend persönlich und läuten mit der Inszenierung von Maria Sendlhofer eine neue Ära in Meidling ein.


Das Scheitern im Sein

Palmetshofer begegnet in „Die Verlorenen“ der Tragikomik des Daseins mit barocker Poesie. Die Dialoge bewegen sich rhythmisch zwischen „Fick dich“ und lyrischer Strahlkraft. Das Publikum darf das lyrische Ich hören. Das Bühnenbild von Larissa Kramarek ist schlicht und dabei so kalt wie die Angst, die die Protagonistinnen umtreibt, ist Wohnung, Disco und „Tanke“. Die Straßenlaterne am Holzmast könnte jene über der abgelegenen Bushaltestelle im Waldviertel sein. Geht aber sicher als Symbol für Verlassenes, für Einsamkeit durch. Wie ein Menetekel beleuchtet sie matt, die Verzweiflung der Menschen in der Stadt und am Land, beleuchtet die Suche segregierter Menschen nach sich selbst, den anderen und dem Glück. Clara hat zu diesem Zweck die Stadt ihren Ex-Mann Harald und dessen neue Frau Svenja sowie ihren pubertierenden Sohn Florentin für eine Zeit lang hinter sich gelassen und flüchtet ins Haus ihrer Großeltern am Land. Dort trifft sie auf deprimierte Trinker, eine grantelnde Tankstellenbetreiberin und den Außenseiter Kevin. Clara ist kalt und abweisend. Doch die Einsamkeit ist ihnen gemeinsam, lässt sie und Kevin einander näher kommen. Ein eskapistischer Reigen entfaltet sich. Es scheitern alle an sich selbst. Zu verworren ist das Labyrinth des Daseins. Einen Ausweg gibt es nicht für alle. Manche entkommen nun mal nicht dem, wovor sie fliehen und finden nicht das, was sie suchen. Das Tragische ist Substrat für das Komische und umgekehrt, bevor am Schluss das Unaussprechliche passiert. Das menschliche Sein mit all seinen Gefühlen und Emotionen klafft dank Sendlhofers ergreifender Inszenierung wie eine offene Wunde im kühlen Scheinwerferlicht auf der Bühne im Theater am Werk. Wo die ProtagonistInnen den Karren an die Wand fahren und mit geschlossenen Augen in die offenen Arme ihres Fatums rennen, so Palmetshofer, der es mit seinem Realitycheck und mächtigen Worten auf den Punkt bringt.


Das menschliche Drama

Einmal mehr beweist er sich als scharfsinniger Beobachter des menschlichen Dramas, das hier gut und gern als Pars pro toto einer ganzen Gesellschaft betrachtet werden kann. Sendlhofers präzise Inszenierung findet die passend kühle Ästhetik dazu. Der Spannungsbogen hat seinen Namen hier redlich verdient. Auch wenn die Geschlechterrollen einseitig ausfallen: Die Frauen sind ganz zeitgeistlich mit der wütenden ich-lass-mir-nichts-gefallen – Attitüde ausgestattet, während die Männer als zögerliche Wattebällchen ihr Leben meistern müssen. Darüber hinaus schienen die DarstellerInnen anfangs noch an der opulenten Erzählweise zu scheitern – das mag dem Aufbruch in neue Zeiten im Kabelwerk und der damit verbundenen Anspannung geschuldet sein – mit Fortlauf der Vorstellung jedoch erspielten sie sich ihre Rollen, das Stück und das Publikum. Allen voran Birgit Stöger als Clara, die mit schauspielerischer Urkraft ein Highlight für sich war. An die anfängliche Distanz zum Text und zum Publikum dachte beim frenetischen Applaus am Ende niemand mehr: Aufwühlend und unterhaltsam – ein gelungener Einstand für die neue Leitung. Gut, dass das Theater am Werk wieder da ist und zu alter Stärke zurückgefunden hat. „Die Verlorenen“ wird noch bis zum 18. Oktober aufgeführt.






 
 
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