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Blut an den Wänden: In 1060 Wien geht das Grauen um

  • tobiasnatter1
  • 7. Nov. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Okt. 2025

Im Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) verzahnen Alexander Pschill und Kaja Dymnicki erbaulichen Humor mit brünstigem Horror. Am Samstag feierte ihre Inszenierung von „Der Sumpf des Grauens“ Premiere. Eine originelle Komödie mit Werwolf ist das Ergebnis


Den Sumpf des Grauens, wo finden wir den? In Baskerville? Im modrigen Keller eines Theaters? Im schottischen Stück? Auf den Probebühnen, wo Neuröschen und Missgunst gelegentlich Produktionen wanken lassen, also im dunklen Souterrain der menschlichen Abgründe? Ja. Alexander Pschill und Kaja Dymnicki (Text, Regie, Ausstattung) haben, „von Thalia persönlich …“ inspiriert, ein aberwitziges Werk „… auf die Bretter geschissen.“ So zumindest drückt es Lasko Vogelsang, der kapriziöse Regisseur eines kleinen Kellertheaters, aus (Stefan Lasko spielt den Theatertyrannen überragend komisch). Dieser ist mit seinem Ensemble dabei, ganz den schönen Künsten zu Füßen, ähnlich eines postmodern entrückten Ludwig II. von Bayern – halt in der Kellerversion – das oben genannte schottische Stück zu erarbeiten. Wir lassen aus triftigem Grund den Titel unbenannt. Doch „Macbeth“, ups, jetzt ist es passiert, will nicht ganz gelingen. Und da ist er schon, der berüchtigte Fluch.


Die Extravaganzen der Ensemblemitglieder als auch die grillenhaften Methoden des Regisseurs, dem andauernd sein Stanislawski durchgeht, blockieren einander fortwährend. Die unerfahrene Gastschauspielerin, Sophia Salbei-Hostia, bekommt das alles am heftigsten zu spüren (Lisa Weidenmüller streift der Novizin berührend und humorvoll das Ordenskleid der Verzweiflung über). Als wäre dem nicht genug, treibt in den Gemäuern des Theaters noch etwas anderes sein Unwesen. Es entfaltet sich eine schrille, bis in Mark und Bein fahrende Zusammenschau aus „Blair Witch Project“, Buñuels „Der Würgeengel“ und Sherlock Holmes. Ersteres sorgt für das pseudodokumentarische Found-Footage auf den Bildschirmen, das die Darsteller*innen live und selbst filmen. Zweiteres für die Ausarbeitung der stereotypen Theaterpersönlichkeiten sowie für Spannungen innerhalb der Figurenkonstellation, die dort im Keller von ihrem mephistophelischen Regisseur eingesperrt wurde: „Scheiß auf Regietheater, ich will die totale Demokratie.“ Letzteres für Suspense und viel Humor. Pschill und Dymnicki kreieren mit „Der Sumpf des Grauens“ eine großartige Werwolf-Komödie mit Splatter-Attitüde und machen damit ein Mords Theater ums Theater. Dieses ist hier aber mehr, als die ostentative Selbstironie von Künstler*innen oder das Distinktionsgetue einer Wiener Mittelbühne.


Der Gliedmaßen und Kaldaunen entledigt

Denn bevor wir in den Schatten des einen Sumpfes tauchen, stapft man erst in den Morast des anderen, der mehr an der Oberfläche schwappt, als in der Tiefe stiller wird. Und so kommt es, dass die Regieassistentin mehr oder weniger gehäckselt im Kostümfundus aufgefunden wird. Es dauert nicht lange, da wird alsbald auch die Lichttechnikerin, ihrer Gliedmaßen und Kaldaunen entledigt, gefunden. Zwischen den Schauspieler*innen wandelt nun erratisch der Horror. Ist ein Mörder unter ihnen? Der exzentrische Schubert Schuberdt (Georg Schubert mit polternder Urkraft), die ihrer Lady Macbeth beraubte, trotzköpfig sabotierende Andräa-Miguella Kasparov (wundervoll komödiantisch gespielt von Michaela Kaspar), der Kickl des Kellergewölbes mit seinen Eingeweiden in Händen und letzten Regieanweisungen auf den Lippen -  einer nach der anderen geht drauf.


Das Gemetzel, die Farbe der (letzten) Stunde ist rot. Das Wortmaterial und hier vor allem die gegenseitigen Beschimpfungen sind von bitterbösem Humor. Pschill und Dymnicki ziehen überdies auch atmosphärisch nicht wenige Register. Videomitschnitte aus den Garderoben erhellen das Zwielicht, Stimmen hallen gespenstisch im Foyer, Geschrei und unheimliches Grollen finden ihren Weg vom Stiegenhaus zum Publikum. Fast das ganze Gebäude des TAG echot mit der Uraufführung, wird solcherart zum wesentlichen Teil derselben. Die vibrierende Erweiterung der Bühne ist nach fast 20 Jahren vielleicht auch als letzte Umarmung ihres Hauses der Theaterschaffenden zu interpretieren. Die müssen nämlich nach dieser finalen Saison einer anderen Bühnenidee Platz machen.


Blutrünstiger Slapstick

Doch bevor sich das TAG in die Annalen einträgt, ringt der letzte Rest eines hysterischen Ensembles mit dem Derivat seiner Realität. Das Biest zeigt sich endlich und ist kein menschlicher Mörder. Ein Gezücht vielmehr. Bucklig boshaft, mit zerzaustem Fell kommt es aus den düsteren Tiefen des einen Sumpfes und fletscht die Zähne. Schoko Wendrinski, schrullig aber empathisch (Ida Golda), warnt die junge Gastschauspielerin vor dem Elend des Theaters als keineswegs nur in Nuancen verzerrtes Spiegelbild unserer Gesellschaft und Ulrik Flaan, die oft gescholtene „Nivea-Werbung“ (Emanuel Fellmer), sind die nächsten Opfer in diesem blutrünstigen, subversiven Slapstick-Spaß. Übrig bleiben die junge Schauspielerin selbst und Ramses - „darf man das überhaupt noch sagen“ - Joobst, das Phlegma des gepeinigten Ensembles (Jens Claßen mit stoischer Sorgfalt). Und dann gibt es da noch Pongo, den Intendanten. Aber auch diese Doppelbelichtung sollte man besser selbst betrachten. Denn die Schwedenbomben schmecken verdächtig nussig. Wer nun den lechzenden Werwolf in verborgenen Ecken seiner Seele gezüchtet hat und zur zweideutigen Parabel geraten lässt, ist dann keine große Überraschung mehr. Demnach kann die Rache, oder besser die Verzweiflung einer ganzen Generation, grausam sein. Auf einem T-Shirt dann noch der Shakespeare’sche Spoiler Alert: „They All Die at the End!“


Es sei denn …?


Plass, von Beginn an dabei

„Der Sumpf des Grauens“ ist eine laute Persiflage auf den Theaterbetrieb selbst, weil es beim dräuenden Abgang laut sein muss. Das plakative Volumen ist akkurat. Der Schlägel haut zu Recht auf die wummernde Messinglocke. Ein Wehklagen, welches sich nicht verbittet, zu lachen, soll sein, wenn im Theater an der Gumpendorfer Straße der letzte Vorhang fällt. Die Inszenierung wird ihrem Anspruch der klugen Unterhaltung in Form einer metaphorischen Auseinandersetzung mit dem Endgültigen gerecht. Sie stellt somit sicher, dass das TAG noch länger in Erinnerung des hervorragend unterhaltenen Premierenpublikums nachhallen wird, bevor die Weichen neu gestellt werden: Sara Ostertag übernimmt ab der Saison 2025/26 die künstlerische Leitung von dem seit 2006, also seit Beginn an, mit an der Spitze stehenden Gernot Plass. Künftig werde es mehrsprachige Eigenproduktionen sowie Produktionen mit multilingualen Akteur*innen geben. „Der Sumpf des Grauens“ wird bis 26. Februar gespielt. Dann geht in Bälde eine Ära zu Ende.




 
 
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