Die Stadt, die es nicht mehr gab
- tobiasnatter1
- 25. März 2024
- 8 Min. Lesezeit
Es war Dienstagnachmittag und ich war auf dem Heimweg vom Arbeitsvermittlungsbüro. Die Sonne – sie wurde jeden Tag blasser - schaffte es nur noch knapp über die Dächer im Westen. Ihr weißes Rund war nur schwer auszumachen, denn die Stadt war seit Monaten in Nebel gehüllt. Er ließ am düsteren Abend die wenigen Menschen auf den Straßen - sie waren in dicke Mäntel gepackt - wie Schatten aus einer anderen Zeit erscheinen. Die Häuser hielten sich hinter diesem giftgelben Schleier versteckt, als ob sie sich vor den Folgen des Geschehenen fürchteten. Nur selten vertrieb das fahle Tageslicht die „Kartoffelsuppe“. Sie zog sich dann zurück, wie Ebbe nach der Flut. Seit der „Fatalität“ war hier an der Grenze zum „Aschenmeer“ die Infrastruktur zusammengebrochen. Kein fließend Wasser, kein Gas, kein Strom. So waren die Straßen meist schon mittags in Zwielicht und ab dem späten Nachmittag in Dunkelheit getaucht. Lähmende Apathie hatte sich auf diesen Ort gesenkt.
Ich war zu Fuß unterwegs. Vor einer halben Stunde hatte ich das Behördengebäude verlassen. Da war es 12:05 Uhr gewesen und die Sonne schickte sich tatsächlich an, die Nebelschwaden, die über der Stadt wie über einem Friedhof lagen, zu lichten. Bedächtig, mit der Langsamkeit der Natur zerriss sie den gärigen Dunst wie sulfurfarbenes Serviettenpapier und löste ihn am Ende gar behutsam in Nichts auf. Nun, da ich in meine Straße einbog, zeigte sich der Himmel wolkenlos. Ein sterbendes Leuchten glomm in ihm. Das diffuse Himmelslicht verkündete, dass dies die letzten Tage waren, ehe alles wieder für lange Zeit in einer schwarzen Nacht versinken würde. Die bröckelnden Hausfassaden waren die stummen Zeugen dieses schleichenden Menetekels. Die Vergangenheit rieselte an ihnen als staubiger Verputz herab und wartete am Asphalt wie abgelaufene Sanduhren auf Erinnerung. Die seltenen Geräusche der Stadt, das spärliche Leben selbst würden sich allzu bald schlafen legen.
Ich sah die Straße hinab. Sie war mir fremd. Fremder als sonst. Die Häuser schienen seltsam weit entfernt, die Straße breiter, als sie es in Wirklichkeit war. Keine Menschenseele weit und breit. Ich hatte wieder dieses beklemmende Gefühl in meiner Brust. Die Häuser wurden größer, sie wuchsen in den Himmel wie bizarre Versatzstücke, bis sie sich über mir beinahe zu einem Tunnel schlossen. Ich versuchte es zu ignorieren und ging weiter, immer weiter, ging schneller, immer schneller; bis die verzerrte Stadt rund um mich erneut zur Ruhe kam. Die Straßenseite, auf der sich mein Wohnkomplex befand, lag schon im Schatten. Ich überquerte die Straße und hielt mein Gesicht mit geschlossenen Augen gegen die Sonne. Die schüchterne Wärme, die über meine Wangen strich war sanft und doch lebendiger als alles, was ich in den letzten Wochen gefühlt oder erfahren hatte. Ich hielt meine Lider noch ein paar zarte Momente geschlossen und verscheuchte den Gedanken an die kommenden Monate. Ich dachte an die Flasche Wodka, die in meiner Wohnkabine auf mich wartete und wie ich diese, in Decken gehüllt, auf dem klapprigen Ohrensessel trinken würde. Ich blinzelte ins Sonnenlicht, wandte meinen Blick dann in Richtung der Fenster meiner Kabine im ersten Stockwerk. Das erste Fenster gähnte leer, wie erwartet. Als mein Blick auf das andere fiel, glaubte ich zunächst, ich hätte wohl zu lange in die Sonne geschaut. Dort, im Halbdunkel, sah ich die Silhouette einer Person. Ihr Kopf war in meine Richtung geneigt. Die Gesichtszüge konnte ich nicht erkennen. Wie kam sie in meine Wohnkabine; und zu welchem Zweck? Außer dem miefenden Sessel, einer alten Matratze, den noch älteren Decken, einem kleinen Holztisch und einem Waschbecken gab es in ihr nichts von Wert. Sie bewegte sich keinen Deut, schien weiter geradewegs in meine Richtung zu starren. Um meiner selbst Herr zu werden, beschloss ich, sämtliche Gedanken an mögliche Erklärungen und Konsequenzen zur Seite zu schieben, ging über die Straße, öffnete die Tür zum Gebäude und lief die Treppe hinauf. Oben angekommen, riss ich an der Kabinentür, hämmerte dagegen. Aber plötzlich hielt ich inne.
Wieso war die Tür abgesperrt? Kein Einbrecher dieser Welt hinterlässt Wohnungstüren unversehrt, ohne jeden Kratzer, ja geradezu sorgfältig abgesperrt. Außer natürlich, er besäße eine Kopie des Schlüssels. Das war jedoch ausgeschlossen. Sie wurden aus Sicherheitsgründen, so hieß es, in zweifacher Ausführung produziert. Einer für den Bewohner. Einer für den zuständigen Kontrolloffizier. Es bestand also noch die unwahrscheinliche Möglichkeit, dass es sich anstatt eines Kriminellen um einen Beamten der Territorialverwaltung handelte. Aber auch das war eigentlich ausgeschlossen. Ich hatte den für mein Gebäude zuständigen Offizier noch nie gesehen. Das lag daran, dass ich weder politisch aktiv war, noch von jemandem wusste, der dies war. So gut wie niemand war das in dieser abgelegenen Region nahe des „Aschenmeeres“. Schon lange nicht mehr. Wir stellten keine Gefahr mehr da. Die „Jagdausflüge“ der Armee hatten ihre Wirkung gezeigt. Außerdem besaß ich nichts, das einen Beamten hätte bereichern können. Darüber hinaus kannte ich niemanden, dem ich meinen Schlüssel anvertraut hätte. Nachbarn gab es keine. Die wenigen Überlebenden meiner Familie waren seit der „Fatalität“ verschwunden. Freunde hatte ich auch nicht; nur drei, vier lose Bekanntschaften aus den verqualmten „Alkoholkellern“. Die aber wussten nicht einmal meinen richtigen Namen, geschweige denn, wo ich wohnte. Und wäre er geflohen, hätte ich ihm auf seinem Weg ins Erdgeschoss ohne Zweifel im Stiegenhaus begegnen müssen. Es sei denn, er flüchtete in das obere Stockwerk. Meine Gedanken flatterten wie aufgeschreckte Fledermäuse durch dunkle Dachböden, als ich im zweiten Stock ankam und niemanden vorfand. Er musste sich also noch in meiner Kabine befinden. Hätte er diese inzwischen verlassen, so hätte ich das im zweiten Stock gehört, spekulierte ich. Wieder unten vor meiner Tür griff ich in meine Manteltasche und holte den Schlüssel hervor. Mit unsicherer Hand sperrte ich auf. Ich machte einen Schritt hinein, blieb stehen, hielt den Atem an. Je länger du jetzt wartest, desto höher wird die Hürde. Mach es gleich! Die Wohnkabine bestand aus einem schmalen Gang: Eine ehemalige Nasszelle mit weißen, brüchigen Badezimmerfliesen an Boden, Wänden und Decke. In ihm stand der Holzstuhl, auf dem ich, wenn es nicht zu kalt war, meinen Mantel ablegte. Der Gang führte direkt in das einzige Zimmer. Ein von Schimmel befallener Betonraum von etwa 12 Quadratmetern. Die Wände waren wohl vor vielen Jahren weiß verputzt worden. Der metallenen Türzarge, welche die beiden Räume trennte, fehlte die Tür. Ich setzte einen unsicheren Schritt vor den anderen, bis ich im Zimmer stand. Doch da war niemand. Nicht unter den Decken auf dem Sessel und auch nicht unter dem Waschbecken. Ich warf meine Aktentasche auf die Matratze.
Nachdem ich mich beruhigt hatte, ging ich zum Holztisch. Auf ihm standen der Wodka und ein weißer Plastikbecher; ein schwarzes Feuerzeug lag neben einer angefangenen Zigarettenschachtel der Marke Camel. Das Kamel und ich, wir machten beide einen ziemlich zerknitterten Eindruck. Ich steckte mir eine an und leerte einen ordentlichen Schluck Wodka in den Becher. Ich trank auf ex. Schenkte nach und sank erschöpft in den Ohrensessel. Die Zigarette schmeckte ekelhaft. Ich schnippte sie in das Eck unter dem Fenster, wo vor kurzem noch eine fremde Gestalt gestanden hatte. Mir schien, als hätte sie ihren Schatten in diesem Raum gelassen. Mit drei großen Schlucken leerte ich den Becher und ließ ihn auf den Boden neben dem Sessel fallen. Die Wärme, die nun langsam meine Adern durchströmte, beruhigte mich. Ich hatte sie vermisst. Es war, als würde sich eine Daunendecke schützend auf meine entzündete Seele legen. Ich schloss meine Augen. Rasch zog mich ein unwiderstehlicher Sog in einen tiefen Schlaf. Ich schwebte auf schwarzen Leintüchern in ihn hinein. Hier war nur das Atmen der Stille zu hören. Dann lange nichts.
Plötzlich schreckte ich auf. Ich rang quiekend nach Luft. Das würdelose Schauspiel dauerte nur wenige Sekunden. Nachdem sich meine Lungen wieder mit Sauerstoff gefüllt hatten, schenkte ich mir noch einen Wodka ein, trank aus und stellte mich ans geschlossene Fenster. Auf der anderen Straßenseite, wo ich noch vor etwa einer Stunde gestanden hatte, stand ein Mann mit Bart. Sein Gesicht versteckte sich zwischen seinen schulterlangen, braunen Haaren. Er hatte eine Aktentasche in seiner rechten Hand. Er sah zur mir hoch, stand dort wie festgeschraubt. Schattenlos. Das kann doch nicht sein! Wäre er aus dem Fenster gesprungen, dann wäre es nicht geschlossen. Von außen konnte man es nicht öffnen und auch nicht schließen. Ein Fluchtweg über das Dach existierte nicht. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er da runter kam, aber ich war mir sicher, das war dieselbe Person, die eben noch in meiner Wohnung war. Ich wandte mich ab und rannte los: Raus aus meiner Kabine, stolperte wutentflammt die Treppe hinunter, rammte mit der linken Schulter die Gebäudetür und stand schon mitten auf der Straße, von wo ich mit wehendem Mantel auf die gegenüberliegende Seite sprintete. Keiner war da.
Außer Atem, meine Hände auf die Knie gestützt, rotzte ich meine Furcht, meinen Frust auf den schorfigen Asphalt unter mir. Schweiß tropfte von meiner Nase. Ich richtete mich gerade, schaute die Straße entlang Richtung Osten, schaute nach Westen. Die Straße war leer. Das war sie meistens. „Feige Sau!“, schrie ich. Das Echo floh nach Westen, wo hinter den löchrigen Dächern der Außenbezirke, hinter geknickten Wäldern, hinter verlassenen Dörfern, hinter diesem kaputten Kontinent mit seinen grauen Stränden irgendwo eine vergilbte Sonne demnächst in einem moribunden Ozean versinken würde, um nicht mehr wieder zu kehren. Ich sah die Häuser empor. Sie waren Ruinen. Sie waren Domänen der Dämonen. Sie waren wie hohle Herbergen für Geister. Hatte ich gerade einen dieser Geister gesehen? Wie oft noch muss ich erwachen, um nicht mehr zu träumen! Ich räusperte mich, drehte mich um und ging zu meinem Wohnkomplex zurück, als ich im Augenwinkel abermals diese gesichtslose Gestalt wie ein Odium hinter meinem Fenster auf mich herab blicken sah.
Meine Knie fühlten sich wie rostige Gelenke einer spielerlosen, wackeligen Marionette an. Ich horchte in mich, suchte nach neuem Mut. Als nächstes rannte ich so schnell ich konnte die Treppe hoch. Meine Kabine war abgesperrt. Ich war mir sicher, dass ich sie offen gelassen hatte. Ich sperrte sie auf, schnappte mir den Holzstuhl im Gang und stürmte fluchend in die Kabine. Mit feuchten Augen schlug ich wild um mich, drehte mich in alle Richtungen, schnaubte, zischte, spuckte. Ich sank unter dem Türstock nieder, verschwitzt und schwer atmend. Mein Kopf und meine überkreuzten Arme darunter ruhten auf dem Holzstuhl, den ich vor mir auf den Boden gestellt hatte. Nach einigen Sekunden kroch ich zum Fenster. Ich baute mich wimmernd auf. Er stand ein weiteres Mal unten an der exakt selben Stelle, glotzte in meine Richtung. Kalte Angst fuhr meinen Rücken hinauf, krabbelte meine ertaubende Kopfhaut empor und krallte sich an ihr fest. Erneut fiel mir seine Aktentasche auf. War das meine? Darin drin befand sich quasi meine Existenz, meine Berechtigung auf ein schäbiges Leben. In ihr waren meine Bürgerkartei, meine Arbeitsberechtigungsbescheinigung, mein Wohnrechtsbescheid, das Nahrungsmittelzertifikat sowie mein Aufenthaltstestat. Ihr Inhalt war der bürokratische Auswuchs dessen, was man hier als eine Art korrumpierte Lebensversicherung betrachtete. Und tatsächlich, das Ding in seiner Hand – so bildete ich mir ein - sah meiner runzeligen Ledertasche nicht unähnlich. Ich drehte mich um und sah meine eigene zu meiner großen Erleichterung auf der Matratze liegen. Trotzdem kontrollierte ich zur Sicherheit ihren Inhalt, der am Rande des „Aschenmeeres“ Grund für Raub und Totschlag war. Ich stürzte mich auf sie. Und zum Glück: Alle Unterlagen waren da. Ich stampfte zurück zum Fenster. Mir war, als stand er noch regungsloser da als zuvor. Ich öffnete das Fenster. „Was willst du Mann? Verpiss dich!“, donnerte es aus mir. Sein Gesicht konnte ich wiederholt nicht ausmachen. Der aufkommende Wind zerrte an seinen zottigen Haaren. Das Tageslicht hatte sich, wie ein verängstigtes Tier, weit nach Westen verkrochen. Bald würde es stockfinster sein. Nebel zog auf. Der Wind griff nun auch nach meinen fettigen Haaren. Derart starrten wir uns an. Er trug einen ähnlichen Mantel wie ich. Dunkelgrau, Filz. So wie fast jeder einen hatte. Man bekam diese geflickten Exemplare von den „Grenzgängern“ in den baufälligen Industriewerken am Stadtrand im Tauschhandel für Nahrungsmittelzertifikate, Zigaretten, Alkohol und dergleichen.
Lange Minuten vergingen. Wir fixierten uns weiterhin. Jetzt war nur noch der Umriss seines leicht gebückten Körpers zu sehen. Es war kalt geworden. Nach einiger Zeit regte sich schlagartig etwas in mir. Schauder rieselt meinen Nacken hinab.
„Kostja? ... Parasit.“, flüstert er mir ins Ohr.
Das Gespenst bohrt seine Klauen in meinen Hals. Es führt mich in die Nacht.
Als ich am nächsten Tag erwache, hat sich eine schwere Finsternis über die tote Stadt, meine Kabine und mich gelegt. Ich kauere unter den modrigen Decken auf dem Ohrensessel, meine Tasche fest an mich gedrückt. Es friert mich. Ich stehe auf und schließe das Fenster.









