Der Priester mit der Knarre: Zum 20. Todestag von Johnny Cash
- tobiasnatter1
- 25. März 2024
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Nov. 2024
Heute vor 20 Jahren verstarb Johnny Cash. Ein Getriebener der den Gospel und den Schnaps genauso verband wie Generationen und Weltanschauungen. Oder dies zumindest versuchte.
Der definierende Moment, das Epizentrum von welchem aus Schockwellen fortan das künftige Leben des damals 12-jährigen John R. Cash einholen und erschüttern würden, egal in welche Richtung es den Musiker trieb, war der grausame Tod seines zwei Jahre älteren Bruders Jack und die Reaktion seines Vaters, des mittellosen Farmers, Raymond Cash darauf. 1944, an einem Tag im Mai, in den Baumwollfeldern Arkansas, fügte eine Kreissäge Jacks Oberkörper klaffende Wunden zu. Johnny, der seinen großen Bruder bewunderte und zu ihm aufsah, war zum Zeitpunkt des tragischen Unfalls beim Fischen. Er hätte seinen Bruder bei diesem Ausflug gerne dabei gehabt. Doch Jacks schon in frühen Jahren stark ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, seine priesterlich gelebte Nächstenliebe und das religiös motivierte Engagement gegenüber den bescheiden lebenden Menschen in Dyess, einer abgelegenen Ortschaft im Mississippi County, hielten ihn davon ab. Anstatt seinem Bruder in ein Südstaatenabenteuer nach Mark Twain am nahe gelegenen Fluss zu folgen, sägte er Bretter für die örtliche Schule. Das Geld für diese Arbeit konnte seine Familie gut gebrauchen. Was folgte, wurde zur Tragödie und schickte jemanden auf die Reise, der sich später Man in Black als Nom de Guerre wie eine Kutte buchstäblich selbst umhängte. „Er war mein Mentor und mein Beschützer“, schrieb er in seinem Buch Cash: The Autobiography über seinen Bruder. „Er war ein sehr reifer Mensch für sein Alter, nachdenklich und zuverlässig. […] Er hatte eine solche Substanz, ein moralisches Gewicht, eine solche Schwere. […] Wenn ich ihn mir mit vierzehn vorstelle, in dem Alter, in dem er starb, sehe ich ihn als einen Erwachsenen.“
Der Vater hatte dem furchtbaren Trauma dieses Verlustes und dem daraus resultierenden Schmerz nichts entgegenzusetzen, als die verzweifelte Schuldzuweisung an den ohnehin etwas anders tickenden jüngeren Bruder, der Jack bei der Arbeit in der Holzwerkstatt der High School seiner Ansicht nach allein gelassen habe. Das Herz des jungen Cash brach zweimal. Und in beiden Fällen war je eine der beiden Personen involviert, die ihm Fanal in der Abgelegenheit der ruralen Südstaaten war oder hätte sein sollen. Und beides Mal erlosch je eines dieser Leuchtfeuer für den 12-jährigen in der weiten Landschaft Arkansas. Johnny Cash befand sich seit dem auf der Suche nach der Anerkennung und der Vergebung seines Vaters. Eine innere Triebfeder – nicht die einzige - die ihn als Künstler und Privatperson auf verschlungene und einsame Pfade schickte, ihn zu jenem getriebenen, durch dunkle Täler irrlichternden Widerspruch machte, der er zeitlebens war. Ein Leben der Extreme, des dumpfen Schmerzes und des singenden Glücks war es, das ihm beschieden war. Was er an jenem Tag im Mai verloren hatte, wurde er trotz aller Verirrungen - oder gerade deswegen - für viele seiner Fans am Ende jedoch selbst: Eine Flamme, die mittels Musik Geborgenheit spendete und durch ihr Flackern sicher auch nicht zu wenig Rock ´n´ Roll.
Der unkonventionelle Titan
Der dreizehnmalige Grammy-Gewinner, der als erster in die Country Music Hall of Fame und in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, war dabei so ambivalent, wie das Land, in dem er geboren wurde und das ihn geprägt hatte. Für den, der zwischen Euphorie und Kapitulation taumelte, der dem Exzess verfiel, religiös-fundamentale Werte in vollen Football-Arenen predigte, sich für Minderheiten einsetzte und sich mit Knastbrüdern identifizierte, für den musste seine Schublade erst gezimmert werden, was freilich am Versuch scheiterte und ihm Misstrauen und Hass bescherte. Als der tief religiöse Cash also seine in Melancholie getränkte Bassbariton Stimme für grobschlächtige Outlaws, indigene Minoritäten oder aufmüpfige Anti-Vietnamkriegs-Demonstranten erhob, sah er sich wütenden Anfeindungen aus der damals erzkonservativen Country-Szene ausgesetzt. Seine Freundschaften mit Bob Dylan oder dem evangelikalen Erweckungsprediger Billy Graham sind zwei Enden des kontroversen Spektrums, das der Sänger, der sowohl Republikaner als auch Demokraten unterstützte, indes nicht nur lebte, sondern nachgerade zelebrierte. Da war er schon zum unkonventionellen Titan in einem Land aufgestiegen, dessen Gesellschaft durch tiefe Furchen getrennt war. Doch sind es Furchen, aus denen Neues sowie Lebendiges gedeiht. Und so spiegelt sich in Cashs Zerrissenheit jene seines Landes wieder, die auch bei ihm zu einer nur schwer einzuordnenden Fülle sowohl an musikalischem als auch lyrischem Ausdruck führte. Der Kulturhistoriker Michael Stewart Foley argumentiert, dass Cash ein radikal unsortierter Mann gewesen wäre. So wie es zwei Amerikas gäbe, gäbe es auch zwei Johnny Cashes. Für den Unterhaltungskomplex wurde er so zu einem amorphen Phänomen, das zwischen Ideologien oszillierend, gezwungen war, auch zwischen den Plattenlabels zu wandeln. Eine Musikindustrie, die ihre Zielgruppen nach Ideologien und Identitäten nicht nur ausmacht, sondern sie nach diesen Kriterien generiert und bedingt, hat mit Freigeistern solcher Art keine Freude. Adorno dafür umso mehr.
Das Land, das Cash derweilen exzessiv betourte, bildete unter dessen das Substrat seiner Kreativität. Den Boom-Chicka-Boom-Sound prägte er mit seiner Band Tennessee Three, stampfte mit ihr landauf, landab den Staub von den Cowboystiefeln. Seine kritischen Texte waren sowohl religiös als auch sozialpolitisch motiviert. Sein musikalisches Œuvre reichte von Country, Gospel, Rockabilly und Blues der 1950er Jahre über Folk und Pop der 1970er Jahre bis hin zum Alternative Country des beginnenden 21. Jahrhunderts. Das sonore Timbre seiner genauso vulnerablen wie starken Stimme vibriert heute, 20 Jahre nach seinem Tod, noch nach. Die rhythmische Urkraft seines reduzierten Sounds, bleibt vielen Generationen in Erinnerung und tönt dabei staubtrocken wie die Wüste, in der er sich einst wie ein Kojote verkroch. Seine musikalische Ästhetik gründete im Glauben, in der wilden Romantik der amerikanischen Einöde oder im durch diese Landschaften fahrenden Güterzug, der zu den Verlockungen der Großstadt führt. Cash fügte dem etliche Facetten hinzu: Ein gerüttelt Maß an Humor war ihm eigen. Seine Gefängniskonzerte waren historische Ereignisse, seine Wiedergeburt durch Rick Rubin popkulturelle Monumente von gravitätischer Tiefe, die ihn auch für folgende Generationen auf einen Sockel stellten, der nicht so schnell bröckeln wird.
Der Außenseiter in der Mitte
Sein Agens darüber hinaus war stets seine persönliche Tragödie und das, was religiöse Menschen wie er Nächstenliebe oder andere einfach Empathie nennen würden. Hinzu kamen das pathologische Suchtpotential und das Verlangen nach Anerkennung, die ihn auslaugten. Kalokagathos war er keiner. Der Exzess fraß seinen Körper sehenden Auges auf. Die Versuche, als TV-Star Fuß zu fassen, wirkten verzweifelt. In Erinnerung aber bleibt der Man in Black, der Highway Man sowie eine Art cooler, amerikanischer Befreiungstheologe und seine Musik, ein idiosynkratrischer Hirte dessen zeitlose Botschaft sehr viel mit Liebe und Erlösung – nicht nur im religiösen Sinn – zu tun hat. Was hätte nun dieser zerrüttete Johnny Cash, der immer wieder an sich selbst scheiterte und trotzdem Großartiges schuf, heute einer zerrütteten Welt zu sagen, die immer wieder an sich selbst scheitert und trotz allem Großartiges erschafft? Beantworten kann diese Frage niemand. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er weiterhin seine Musik als Zufluchtsort teilen würde, ist nicht verschwindend gering. Nach wie vor könnte sie Offenbarung und lodernde Passion eines Gefallenen sein, der vom Aufstehen singt. Ein weiteres verbindendes Element, wie es der Grenzen überschreitende Cash immer war, würde allenfalls auch heute nicht schaden:
Ein Distinktionsmerkmale schleifender Widerspruch, eine Art Priester der Ausgestoßenen, ein religiöser Rebell, der sich mit Revolvern ablichten ließ und dessen Motive im Gospel wurzelten, der inkommensurable Unangepasste, der Streitbare, mit üppigem Vokabular ausgestattete Außenseiter in der Mitte, und doch das Pars pro toto eines ganzen Landes. Mit einem Bein im Knast, mit dem anderen in der Kirche, mit kaltem Schweiß auf der Stirn und mit dem Herzen bei Gott. Immer auf der Flucht vor dem dräuenden Debakel. All das war Johnny Cash. Die Antwort auf diese Frage könnte also ganz unmissverständlich sein. Sein Trauergewand müsste er konsequenter Weise nämlich heute noch tragen:
I wear the black
For the poor and the beaten down […]
For the sick and lonely old […]
For the thousands who have died
Believin' that the Lord
Was on their side […]
Till things are brighter
I'm the man in black
Johnny Cash, eine von fiebriger Unrast gepeinigte Ikone der westlichen Kultur, verstarb heute vor 20 Jahren. Bis zum letzten Vorhang wütete hinter seinen bald hohlen Augen das fortwährende Ringen mit seinen Dämonen. Frei nach Novalis wurde sein Tisch der Sehnsucht niemals leer. Der Journalist und Autor Robert Hilburn meinte jedoch in seinem Buch Johnny Cash – Die Biografie, dass Cash, als er von Richard Nixon ins Weiße Haus geladen wurde, eigentlich fand, wonach er ein Leben lang gesucht habe. Ob der Sohn für die Anerkennung und Exkulpation des Vaters wirklich das Symbol amerikanischen Potentials betreten musste, bleibt offen. Johnny Cash aber hatte bereits zuvor viel Wichtigeres gefunden: “All your life, you will be faced with a choice. You can choose love or hate… I choose love.”









