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Die Schönheit des Unverblümten

  • tobiasnatter1
  • 7. Nov. 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Feb. 2025

Mira Lu Kovacs veröffentlicht mit „Please, Save Yourself“ ein neues Album und überzeugt mit schlichtem aber ergreifendem Singer-Songwriter-Pop


Die Musikerin ist nach gut einem Jahrzehnt zum Fixstern der österreichischen Kunst- und Kulturszene geworden. Ihr versatiles Schaffen hat sie dort nach kreativer Reise zum Leuchten gebracht: Mit dem Trio Schmieds Puls veröffentlichte sie drei Alben, wovon eines mit dem Amadeus Award, dem Grammy der Alpenrepublik, ausgezeichnet wurde. In der Experimental-Pop-Band 5K HD ist sie gleichermaßen involviert, wie in der von manchen - angesichts der Hausse der österreichischen Musikszene - überschwänglich als eine Art Indie-Rock-Supergroup bezeichneten Formation My Ugly Clementine. Sie spielt Theater, kuratierte das Wiener Popfest oder setzte Schloss Belvedere akustisch in Szene. 2021 erschien zum ersten Mal ein Album unter ihrem eigenen Namen. Nun folgt das Nächste. „Please, Save Yourself“ ist wieder im Trio-Format aufgenommen worden.


Neun Songs, aus milder Kühnheit geboren, erzählen dort von Angst, Liebe oder Selbstbefreiung. Dabei handelt es sich um minutiös erarbeitete Singer-Songwriter-Kleinodien, die wie Perlen aufgefädelt sind. Die Instrumente malen mit warmen Klangfarben, Kovacs´ Gesang verblüfft mit Reichweite und Elastizität. Er wirkt antiseptisch und ist bei alledem von einer kristallinen Melodik getragen, die genauso ursprünglich wie eminent ist. Daneben ist die Weise, mit der die Musikerin ihrer Akustikgitarre eine Art poetisches Adagio entlockt, die zweite tragende Kraft der stets organischen Produktion. Der Longplayer ist zart im Vortrag, intim, erinnert an unsere Zerbrechlichkeit und mutet über weite Strecken dennoch stark in seiner empathischen Intensität an. Die Österreicherin verwendet ihre Akustikgitarre überdies in gleicher Manier, mit der sie ausnahmsweise ein-, zweimal die E-Gitarre zum Kreischen bringt: Immer nach reiflicher Überlegung.


Der Bombast und seine Bataillone

Gekreischt wird auf “Shut The Fuck Up“, der bereits veröffentlichten Single, nicht; handelt es sich doch um einen hell klingenden, mit sanftem Piano verzierten, gut gemeinten Ratschlag, dessen unbeschwerte Tonalität diametral zu dem steht, was der Titel versprechen mag und genau deshalb einer jener Momente ist, der die Essenz des Albums wiedergibt. Die Erzählungen sind manchmal launisch, manchmal tragisch, meist klug (im Fall der Single eher weniger), jedoch immer mit direktem Zug zum limbischen System: Die Gesamtheit auf „Please, Save Yourself“ vermittelt etwas Unverblümtes ohne sich anzubiedern. Auch wenn gerade der Text der Auskopplung nicht über bloße Effekthascherei hinauskommt. „I told you many times that I got to go. You told me all these years that you love me so. I wasn't raised just to let it go … Shut The Fuck Up and let go.“ – Das hört sich mehr einfältig als klug an. Doch auch hier gilt, was für viele andere Single-Auskopplungen zu gelten hat: Marktschreierei kommt vor dem Inhalt. Stattdessen aber geht „I Care For You“ als Höhepunkt hervor. Ein Triumph ungefilterter Emotionen, deren Bombast und seine Bataillone der Liebe schreiben hier etwas nieder, das – mit der richtigen Dosis Theatralik getränkt – hart am Kitsch vorbeischrammend, im Windschatten des Pathos agierend, den Eindruck hinterlässt, aus den Fugen zu geraten. “I care for you I don’t care for anybody else” lautet der zu Beginn wie ein leises Bächlein entspringende Eskapismus, den die gebürtige Burgenländerin mit erhöhten Amplituden von Manu Mayr am Bass sowie Günther Paulitsch am Schlagzeug langsam eskalieren lässt.


Das Zutun der beiden Musiker ist im Übrigen immer als maßvolle Präzision zu bezeichnen. Kovacs´ glasklare Stimme bekommt den Resonanzraum, den sie verlangt. Das Schlichte schafft Platz für die Melodien der Singer-Songwriterin und somit für die Emotionen der Erzählstücke, die wiederum mit der Musikalität der Rhythmusabteilung angereichert werden. Es ist diese Arbeit von Mayr und Paulitsch, die den Liedern einen präzisen Groove verpasst, der genauso viel Freude bereitet, wie das instrumentale Gespür, mit dem sie die Arrangements kultivieren. Der Versuch der Reduktion ist hier aber nichts Besonderes, ganz im Gegenteil ist er genreüblich. Weniger ist mehr, heißt es. Gelingen muss er halt. Und das tut er. Mit „Fall Asleep Quickley“, einer Art zeitgenössischen Lullabys, wird dem Ganzen dann ein Ende gesetzt, das so süß schmeckt, wie die heiße Schokolade, die dazu serviert werden sollte.


Kovacs´ Performance ist, abgesehen von wenigen inhaltlichen Missgriffen, betörend. Ihre kompositorische Finesse lässt dieses Album irgendwo zwischen schlichter Songarchitektur und ergreifender Gesangsdarbietung leuchten sowie zur in Töne geronnenen Schönheit werden. Mit ihrer Stimme beschwört sie den Geist des Wiedererkennungswerts, mit ihrem Gitarrenspiel umgarnt sie ihn. Beeindruckend. „Please, Save Yourself“ erscheint am 08. November.





 
 
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