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Vom (Über-)Leben im Fürchterlichen und im Schönen

  • tobiasnatter1
  • 16. Okt. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Nov. 2025

Die Indie-Rocker Naked Lunch waren in Österreich so etwas wie Säulenheilige der heimischen Musiklandschaft. Erfolge feierten sie aber auch über die Grenzen des Landes hinaus. Nach langer Abstinenz erscheint nun ein neues Album


„Zu viele Jahre habe ich mich gefragt, ob es denn überhaupt noch Menschen gibt, die Freude hätten mit einer neuen Platte von uns?“, meinte einmal Oliver Welter, Mastermind und Sänger von Naked Lunch. Ja, sagen viele im Nachbarland und auch die einschlägigen Charts dort stimmen dem zu. Nach zwölf Jahren veröffentlicht die Band eine neue LP, auf die viele gewartet aber nicht zu hoffen gewagt haben.

„Lights And A Slight Taste Of Death“ könnte nach einer Neubesetzung der Band das Erwachen einer österreichischen Musik-Instanz sein. Ein Erwachen, das nicht ohne seismografische Verwerfungen in der österreichischen Plattentektonik einhergeht. Die erste Singleauskopplung der Amadeus-Preisträger von 2007 „To All And Everyone I Love“ war mehrere Wochen auf Platz 1 der Austrian Indie Charts. Die zweite Single „Go Away“ ist zumindest gerade auf dem Weg dorthin. Nach all den Jahren ein starkes Stück. Starke Stücke sind auch die Lebenserzählungen von Welter.


Melancholische Schönheit

Zart und fragil, unverputzt und euphorisch hat er das Fürchterliche und das Schöne in ein mitreißend veristisches Werk über das Leben mit all seinen Zerwürfnissen gegossen. Die Auswahl der Singles zeigt mithin die beiden Enden dieses existentiellen Spektrums. Der „Arschloch-Krebs“ – so steht es in der Presseaussendung - gegen den er ringen musste, die Liebe als große Befreiung: Es tönt immer dringlich, immer unerbittlich auf diesem Album. Die Wolken hängen tief, das Licht blendet. „Lights And A Slight Taste Of Death“ besitzt die gravitätische Größe des freien Falls aber eben auch jene des Fluges weit hinauf. Naked Lunch klopfen indes die Popmusik nach ihren Möglichkeiten ab.

Man hört das Echo der Beatles oder den Zauber der Flaming Lips. Die Gesangsmelodien sind von melancholischer Schönheit. Keys in dramatischem Moll schweben darüber. Kristallines Trompetenspiel, ein kreischendes Saxophon, ins unerträgliche Crescendo kippende Gitarren, hallende Elektro-Dissonanzen, die in strahlenden Hymnen ihre krönende Euphonie finden oder Klavierbegleitungen im Stile großer Balladen sind hier die Flammen, die Welters Songwriting zum Lodern bringen.


Unmittelbare Dramatik

Die detaillierte Produktion derweil ist fein geschliffen. Gefühlvoll, mit tiefem Verständnis für die Songs und deren Signale vermengt sie sämtliche Elemente zu einer vibrierenden Symbiose. Lack zur Auffettung gibt es nicht. Diese Platte holt tief Luft und Atmet aus. Gleichzeitig ist die Instrumentierung verschränkt wie kluge Figurenarrangements in literarischen Essays. Ohne sich auf die Zehen zu steigen, erzählt sie gemeinsam mit Welters roher Poetik Geschichten in 14 klingenden Kondensaten. „Imagine there’s no echo in the canyons and no name for you and me.”

„Lights And A Slight Taste Of Death” agiert dabei mit einem musikalischen Gestus, der irgendwo zwischen brech´tscher Distanz und unmittelbarer Dramatik oszilliert. Epische Dramatik, das konnte Welter immer schon hervorragend. Das Album erscheint am 07. November beim Hamburger Label Tapete Records.




 
 
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